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Interview mit dem Autor zu seinem neuen Roman „Unergrründliches Kolkata“

Auf der Suche nach „meiner Spiritualität“. Interview mit Thomas Maurenbrecher
8. Jan 2016 | von CM | Themenbereich: Denkbar, Philosophische Bücher | Edit
Auf der Suche nach „meiner Spiritualität“
Interview mit Thomas Maurenbrecher.
Anläßlich der Veröffentlichung seines Buches „Unergründliches Kolkata“.
Die Fragen stellte Christian Modehn.
Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ veröffentlicht gelegentlich Beiträge, die die Suchbewegungen spirituell interessierter Menschen heute dokumentieren und zur Diskussion stellen. Sie weisen über das vielen noch vertraute ausschließlich christlich geprägte „Weltbild“ hinaus … und geben insofern auch zu denken, wie denn das Christliche heute – auch philosophisch – kohärent dargestellt werden kann. CM.
Herr Maurenbrecher, Ihr jetzt erschienenes Buch, das darf man wohl sagen, beschreibt –obwohl „Roman“ genannt – auch Ihren eigenen spirituellen Weg, heraus aus den angestammten christlichen Traditionen und Kirchenbindungen und hin zu einer Vorliebe für eine bestimmte Form der vielfältigen Vedanta-Philosophien. Was hat Sie denn am Christentum, in Ihrer rheinischen Herkunft offenbar die katholische Kirche, so gestört, was erschien Ihnen dort so wenig hilfreich und so wenig inspirierend, dass Sie sich dann einer Vedanta-Schule angeschlossen haben?
Als ich das Abitur machte, hatte ich das Gefühl, dass mein Kopf von Müll bedeckt sei: Totes Wissen, das war dieser Müll, den ich loswerden musste. Aber wie? Zu diesem Müllberg gehörten auch die vielen kirchlichen Dogmen, von denen ich gehört hatte. Jahrelang sah ich vor mir, wie auf dem Konzil von Konstanz langsam das Feuer zu dem gefesselten Jan Hus hinkriecht. Auf dem Konzil von Nicäa 325 wurde meines Erachtens beschlossen, dass es den Gott in uns – wie die Arianer sagten– nicht geben könne. Seitdem haben wir im Westen diese festgefahrene Teilung der Welt in zwei Sphären: die absolute göttliche „da oben“ und die kontingente, hier unten“, wo wir armseligen Menschen unser sündhaftes Leben fristen. Wir sind schwach, sagte Luther, nur die Gnade kann uns erlösen. Was ich damals nur ahnte: Dass der Künstler in mir nach Unvoreingenommenheit suchte, um selber schaffen, selber gestalten zu können. Er musste den Kopf aus dem Müll rauskriegen!
Diesen Freiraum finde ich zum Beispiel in der Vedantaphilosophie. Andere entdecken ihn um die Ecke, das ist mir klar. Bei Vedanta wird betont, dass es nicht entscheidend ist, ob man sich einen persönlichen Gott oder eine abstrakte Gottheit vorstellt. Entscheidend sei die meditative und praktische Bemühung um Gottesliebe. Da musste ich wieder an die ermüdenden Kämpfe Gotthold Ephraim Lessings denken, der sich von der Kirche seinen Pantheismus vorhalten lassen musste und doch in seinem Epos „Die Erziehung des Menschengeschlechtes“ als erster im deutschen Sprachraum den Gedanken der Reinkarnation äußerte.
Zu Ihrer Vorliebe für eine Vedanta-Philosophie selbst: Was ist da für Sie selbst so hilfreich, inspirierend für ein (ja auch politisches) Leben im 21. Jahrhundert inmitten von Kriegen und Gewalt? Und kann nun ein europäisch geprägter Mensch, vielleicht trotz allem immer noch mit christlichem Background, diese Vedanta-Philosophie überhaupt „adäquat“ verstehen?
Es geht nicht darum, dass jemand wie ich die Vedantaphilosophie „adäquat“ versteht, weil das kein hermeneutisches Problem ist. Im Christentum wird das Mysterium von Golgatha als zentrales Ereignis der Geschichte, als Wende zum christlichen Zeitalter angesehen. In der äußeren Geschichte (Epoche des Kolonialismus und Imperialismus, zwei Weltkriege) kann man diesen geschichtlichen Paradigmenwechsel nicht erkennen. Seit dem konstantinischen Zeitalter gibt es die Verquickung der christlichen Kirchen mit den jeweils herrschenden politischen Mächten. Nur das esoterische Christentum, etwa angefangen bei Meister Eckhart bis hin zur Parzivalsage, bezieht sich auf die zentrale Botschaft Christi: die Bergpredigt und die Sieben Ich-bin-Worte. Ausformuliert ist der Zusammenhang zwischen Gottwerdung und Menschwerdung bereits in den „Vorlesungen über das Gottmenschentum“ von Wladimir Solowjow. Auch Max Scheler spricht in seinem Konzept der Person über diesen Zusammenhang.
In der Vedantaphilosophie ist man der Auffassung, dass jeder Avatar (Erleuchtete), der in der Geschichte aufgetreten ist, seine besondere spirituelle Aufgabe hat. Für sie reiht sich Christus da ein. Überhaupt wird im Hinduismus – und so auch in der Vedantaphilosophie – jede legitimierte (und nicht terroristische) Form von Religion integriert. Sie kennen nicht den Unterschied zwischen Orthodoxie und Heterodoxie wie im Christentum. Eine Besonderheit ist höchstens, dass sie den Übergang vom Mythos zum Logos anders und nicht so klar vollzogen haben wie die ionischen Naturphilosophen in Griechenland. Ich sehe da jedoch kein entweder – oder, sondern eher ein sowohl – als auch. Pindar und Homer hindern mich nicht am Verständnis der Apokalypse oder der Meditationes von Descartes, und das Ramayana und das Mahaabharata zeigen mir die ganze astrale und geistige Vielfalt der Menschen-Götterwelt. Sie finde ich in den vier Hauptformen des Yoga (in der Gliederung von Vivekananda) als spirituelles Streben, als geistige Übungen (sadhana) wieder. Auf diesem Weg gehe ich von meiner Persönlichkeit mit ihren Schwächen aus, versuche, mein Unwissen über die geistige Welt zu verringern. Die alte westliche Frage nach der Werkfrömmigkeit ist darin eingeschlossen (Karma-Yoga).
Das Kernproblem der Moderne ist allerdings in Ost und West das gleiche: dass sich die Götter und Engel seit den großen Astronomen und seit dem Streit zwischen Rationalismus Empirismus zurückgezogen haben. Wir sind auf uns gestellt, leben mit dem Absurden (Albert Camus), können scheitern, können zu Mordmaschinen werden.
Kann die Advaita-Vedanta, die ja, wie Sie selbst schreiben, „nur die nicht-sinnliche Welt (als die immaterielle) wirklich nimmt“ (S. 182), hilfreich sein im 21. Jahrhundert? Ist das nicht eine Flucht, sich der Gestaltung des Materiellen als wichtigem Lebensgrund (wir Menschen sind ja Fleisch, der unseren Geist auch „steuert“) zu entziehen?
Es gibt die Gefahr des Eskapismus in jeglichen spirituellen Streben, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass es eine neue Form des Umgangs mit der Schöpfung gibt, weil die Welt der materiellen Gegenstände immer stärker geworden ist. Die andere Gefahr, dem Eskapismus entgegengesetzt, ist die der hohlen Ritualisierung in exoterischen Formen der Religion: Glöckchenklingeln und Weihrauchgeruch…
Ich denke, dass die Frage Edmund Husserls in seiner Krisis-Schrift (1936) immer noch aktuell ist. Was ist diese Frage? Dass seit Galilei und Descartes eine schematische Erklärung und Deutung von Welt in mathematisch formulierten Naturgesetzen dem Menschen der Moderne nicht genügend Raum lässt zur Ausformulierung seiner individuellen Erfahrungsaufschichtung, die aus seinem Leben mit seinen Kämpfen erwachsen könnte. Er ist, um das mal so zu sagen, den Forschungsergebnissen der Naturwissenschaften und deren technischen Realisationen genauso hörig wie seine Vorfahren den dogmatischen Konzilsbeschlüssen. Es ginge darum, so Husserl, die Strukturen dieser Lebenswelt zu beschreiben, des In-der-Welt-Seins, wie Heidegger das nennt.
Diesen herrlichen Goetheschen Ton eines inneren Schöpfungstages „Ich ging im Walde so für mich hin, nichts zu suchen, das war mein Sinn“ gönnen wir uns einfach gar nicht mehr, dieses wieder „Linkisch –Werden“ wie auf den Bildern von Cy Twombly.
Wenn Advaita-Vedanta davon ausgeht, dass die nichtsinnliche Welt die eigentliche Wirklichkeit ist, so ist das nicht als fundamentalistisches Dogma gemeint, als „Glaube“, sondern als eine innere Ausrichtung, die nur zu etwas führen kann, wenn ich – trotz aller Durststrecken – darum ringe, die „alten Platten“ meines Lebens weniger und weniger abspiele: Die haben mit Neid, Eifersucht, Festhalten usw. zu tun. Das kann dazu führen, dass mich die Kriege, überhaupt die Gewalt, die ich gewöhnlich an der Oberfläche bedauere, von denen ich aber im Unterbewusstsein fasziniert bin, nicht mehr in ihre angstvoll-lustvollen G i e r s t r u k t u r e n hineinziehen. Höhere Gefühlsformen können aus einer neuen inneren Ruhe hervortreten, die Blüten treiben. Es ist eine überraschende Form der A l l t a g s p o e s i e, die daraus entstehen kann.
Sie strahlt wie ein mildes Licht auf meine bisherige, ambivalente Wahrnehmung der Kämpfe und Kriege herab, und ich entdecke, was i c h in dieser Lage konkret tun kann .Ich gucke nicht weg, und ich ziehe mich auch nicht billig in die Privatheit zurück. Der Yogi gewinnt, wie Vivekananda sagt, eine innere Macht, wenn er gewisse, nicht ganz einfache Übungen mit Beharrlichkeit macht (Raja-Yoga). Das erscheint mir wichtig, weil in christlichen Diskurs kein Kraut gegen die politische Macht gewachsen ist. Man arrangiert sich seit Jahrhunderten mit den politisch Mächtigen, wird – wie in Deutschland – von der Industrie über die Kirchensteuer ausgehalten.
Man hat den Eindruck, dass Sie an einer Verbindung oder zumindest einer Melange von Anthroposophie, Vedanta und dann auch Existenzphilosophie im Sinne des frühen Heidegger (Seite 174 ff) interessiert sind. Fühlen sich darin mit allen Menschen verbunden, die heute, wie die Religionssoziologen treffend sagen, die eigene Spiritualität aus unterschiedlichen (untereinander widersprüchlichen?) Quellen sich „zusammen basteln“. Das „Zusammen-Basteln“ kehrt ja immer wieder als Begriff der heutigen Religionssoziologie.
In dieser Mélange kann ich mich wiederfinden, aber nicht in dem Sinne, dass ich in religiösen Dingen ein bisschen „herumbastele“, um mir meine Religion „zu stricken“. Da guckt man auf den modernen Menschen vom theologischen oder soziologischen Sockel herab, hat vielleicht im Kopf, dass es, wie Augustinus meinte, Erwählte gibt und den Rest. Wichtig ist mir der Unterschied zwischen Wissen über Gott (so und so erstudiert und mit geschickter Homiletik dargeboten) einerseits und Gotteserfahrung andererseits, nenne es Moses am Dornbusch oder Saulus wandelt sich zu Paulus. Bei der Gotteserfahrung spielen Geheimnisse hinein, der Einschlag des Geistes.
Und der Bastler, von denen einige Religionssoziologen sprechen, befindet sich bei Claude Lévi-Strauss in bester Gesellschaft: Der bricoleur ist zwar schlichter in seinen Denkformen und seinem Tun, aber in seinem „totalisierenden“ Bemühen ist er dem gelehrten Wissenschaftler ebenbürtig.
Historisch gesehen kann man sagen, dass sich Europa durch die Unzahl der Kriege selber geschwächt und ein geistiges Vakuum erzeugt hast. Die prominenten Pazifisten waren keine Kirchenvertreter, wenn man genauer hinsieht. Insofern ist es naheliegend, dass Menschen, die nach dem subjektiven Sinn ihres Lebens suchen, eklektizistisch vorgehen und nichtchristliche Religionen durchmustern.
Thomas Maurenbrecher. „Unergründliches Kolkata. Ein Roman“. Erschienen in der J. Kamphausen Mediengruppe, Bielefeld, 188 Seiten. 14.99 €.
Thomas Maurenbrecher, Jahrgang 1940, wuchs am Niederrhein auf und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete als Kaufmann, als Sozialwissenschaftler (Deutschland, USA, Türkei) sowie als Sozialarbeiter. Zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte.

Übermüdet sein, nicht träumen können

In der letzten Zeit sind zwei Bücher erschienen, die sich mit demZustandder Menschen in Deutschland befassen:
Byung chul han, Die Müdigkeitsgesellschaft,
Stephan Grünewald, Die erschöpfteGesellschaft
Der Philosoph Byungund der PsychologeGrünewald konstatieren übereinstimmend, dass viele Menschen zur Selbstausbeutung, zur Leistungsbereitschaft ohne Sinn, schließlich zur Erschöpfung und zum Verlust von Schöpferkraft tendieren.
Grunewald sieht nur einen Ausweg aus dieser Misere: dass die Menschen wieder träumen lernen. Erstaunlich. Daraüber müsste man reden, vielleicht in einem Arbeitskreis.

Brücken bauen

Am vergangenen Wochenende fand in der prall gefüllten City-Kirche in Wuppertal – Elberfeld unter dem Titel >Kultur – Landschaft Armenien< eine Veranstaltung statt, die in ihrer Frische und Präsenz ein Beispiel dafür war, wie lebendig Kultur sein kann.
Zwei Frauen, Alice Gad und Monika Werhahn-Mees, berichteten von ihrer Osterreise nach Armenien: ein Reisetagebuch wurde aufgeblättert, die Stiftung für Kulturaustausch mit ihrem Kulturzentrum in einem Dorf am Sevansee wurde vorgestellt. Bilder der majestätischen Berglandschaften Armeniens und der alten Klöster und Kirchen, die so vollendet wirken und gleichzeitig wie aus einem Baukasten mit Klötzen in geometrischen Urformen zusammengesetzt schienen, zogen an uns vorbei.
Das Trio Con Voce mit Ulrich Klan, Anja Lendrat und Robert Dißelmeyer spielte getragen – melancholische oder feurig-skandierte Musik armenischer Komponisten wie Komitas oder Sayat Nova. Von denen hatte man nie gehört, war nie über den furiosen Säbeltanz von Katschaturian hinausgekommen.
Aber das Lebendige war, dass sich Wort und Klang immer wieder verschränkten, dass es immer wieder Stellen für Improvisation auf der Geige gab.
Die Stiftung für Kulturaustausch, deren Seminarprogramm demnächst beginnt, will Brücken zwischen Mitteleuropa und dem alten Kulturraum Armenien bauen. Der droht durch unglückliche politische Umstände bis hin zum Massaker am armenischen Volk immer wieder in Vergessenheit zu versinken, wie irgend so ein Kloster auf der Sinaihalbinsel, an den Felsen geklebt, das jeder schon einmal beim Blättern in einem Bildband mit den Augen gestreift hat. Der Ararat und Noah, der von jeder Tiergattung vom Kamel bis zum Meerschweinchen ein Paar in seine Arche lässt, damit es die große Flut übersteht – davon hat jeder schon einmal gehört und vielleicht putzig gefunden. Doch der Ararat als heiliger Berg der Armenier? Kann sein… kann auch nicht sein. Dafür waren wir schon einmal auf der Zugspitze oder auf dem Belchen, schöne Aussicht.
Die Gräueltaten gegenüber unschuldigen Männern, Frauen und Kindern, Bürgern des Osmanischen Reiches, Kulturträger in angesehenen Berufen 1915 – 1916 – wie soll man damit umgehen, wo doch damals die deutschen Diplomaten und Politiker mit den Borsigwerken für den Eisenbahnbau im Hintergrund konstant wegschauten und schwiegen? Es ist wichtig, das Abgründige im eigenen politischen Haus und in der eigenen Seele anzuschauen und nach so vielen Jahrzehnten die Arme und die Herzen zu öffnen und endlich ein kollektives Verhalten zu überwinden, das Alexander und Margarete Mitscherlich einmal (1967) >Die Unfähigkeit zu trauern< genannt haben. Nicht Trekking im Kaukasus oder Sich-Zuprosten mit armenischem Maulbeerschnaps eröffnet eine kulturelle Zukunft, sondern die Verletzungen zu zeigen, wie eine Schwachstelle auf der eigenen Siegfriedshaut. Sich wieder verletzbar machen, macht uns menschlich. Wie es Joseph Beuys gesagt hat: Zeige deine Wunde!
In dem Oratorium von Ulrich Klan >Wie eine Taube< in Erinnerung an den Mord an dem armenisch – türkischen Journalisten Hrant Dink im Jahre 2007, das im April dieses Jahres uraufgeführt wurde, wird dieser menschheitliche Ton des Ineinanders von Klage und Hymnus angeschlagen, dass unsere Herzen in Bewegung bringt wie der Durchgang der polyphonen Musik durch alle Tonarten im Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach. Bewegte Herzen, die wieder zum Herzdenken eines Blaise Pascal, einer Karen Armstrong und des Swami Vivekananda fähig sind. Statt im Mimikry der instrumentellen Vernunft zu verharren, die blindlings Leopardpanzer, Tablet Laptops und Herzschrittmacher auf den Markt wirft. Everything goes which sells.

Um wieder zur Veranstaltung in der City-Kirche in Wuppertal zurück zu kehren: Die gezupfte und gestrichene Geige war zwischendurch immer wieder zu hören, wie wenn sich Straßenmusik in den Kirchenraum verirren durfte. Nachdem ein Text und Musik über die Kamancha,, die anatolische Geige, zu hören war, stellte sich am Schluss spontan ein  armenischer Sänger aus dem Publikum vorne hin und sang mit voller Stimme das Lied der Kamancha, als ob er es aus höheren Sphären zu allen herunter bringen wollte.

Träger der Veranstaltung waren die Armin T. Wegner Gesellslchaft – www.armin-t-wegner.de -und die Monika Werhahn-Mees Fördertstiftung und für Kulturaustausch – www.monika-werhahn-mees-stiftung.de.

Stippvisite in Sizilien

Fünf Tage mal eben in Sizilien, mal so runtergeflyert… was soll man dazu sagen? War schön, haben gut gegessen, neben dem Amaretto gibt es auch andere gute Getränke dort…ne, das lohnt sich nicht. Dann kann ich schon gleich in die Zeitschrift >mobil< der DB gucken, da steht diese Art Reiseprosa drin.
Warum das Ganze? Ich wollte einen alten Freund in Apulien besuchen, mit dem ich in einem soziokulturellen Projekt in Bielefeld gearbeitet hatte, mit ihm feiern, dass es die Italiener nach drei Amtszeiten von Berlusconi, in denen er sie medienwirksam einlullte und mit seinem fröhlichen Heiapopeia mit den 17 jährigen endlich durchschauten, was an dem Landesvater Berlusconi dran ist und was nicht. Aber er winkte ab… da habe ich mich an Wim Wenders’ >Palermo shooting< erinnert und wollte dafür dort mal gucken gehen.
Sizilien ist im Frühling eine grüne hügelige Insel, gemächlich daliegend wie die schlafende Seeschildkröte meiner Kindertage mit einer alten Erdschicht über sich, in der man endlos graben kann… wenn einen Geschichte interessiert. Da war diese Insel Einwanderungsort für viele unternehmungslustige, kraftvolle, vom Ideal des schönen Tempels und des offenen, in eine Küstenbucht gebauten Rundtheaters geprägten antiken Griechen. Ein jahrzehntelanger Zankapfel zwischen Phöniziern und Römern war es auch. Dann kamen die Araber. Eines der Gebiete, in dem sich die berühmtesten Söldner und Schiffsbauer Europas festsetzten, die Normannen, wurde Sizilien auch. Sie stiegen zu Königen auf, vermengten die besten Traditionen der arabischen Architekten und der byzantinischen Kirchenbauer und Mosaikkünstler zu einem großartigen Mischstil, den man einmal mit dem gleichzeitigen mozarabischen Stil in Spanien vergleichen sollte.
Es kamen die Franzosen, die Katalanen, die Staufer und zerrten an dem Eiland; die Päpste zogen im Hintergrund die Fäden, wenn sie konnten.
Kurzum: Man hat den Eindruck, dass die Menschen in Sizilien so viel Fremdherrschaft über sich ergehen lassen mussten, dass sie fast schon instinktiv jeder Staatlichkeit misstrauen und die Konflikte und die Geschäfte lieber nach ihren eigenen, ziemlich patriarchalischen Regeln angehen: die Mafia, die Camorra.
Man kann sich fragen, warum die Sizilianer nicht in ähnlicher Weise wie die Basken oder auch die Katalanen Sonderrechte oder gar Halbautonomie anstreben. Stattdessen wurden sie über Jahrzehnte, wie andere süditalienische Landschaften auch, zum Armenhaus Italiens, dem man durch die >Cassa per il Mezzogiorno< aufhelfen wollte. Und nicht kontrollieren konnte, in welchen Kanälen die Gelder versacken.
Ich glaube, dass es aufgrund der schwierigen Geschichte in Sizilien, ähnlich wie in Irland, einen historischen Aderlass an Talenten von kraftvollen Persönlichkeiten gab. Das sind die Exilsizilianer, von denen die Italoamerikaner mit der Zigarre rauchenden Galionsfigur Al Capone irgendwo auf dem Deck eines  Mississippi Dampfers am bekanntesten wurden. Und in gewisser Weise am berüchtigsten. Aber wenn man in gewissen Stadtvierteln von Buenos Aires recherchierte, träfe man vermutlich auch auf eine große Anzahl von Sippen, die vor Generationen aus Sizilien auswanderten.
Die Menschen, die wir in den paar Tagen beobachteten oder mit denen wir einiges in unserem Klein-Moritz–Italienisch austauschten, wirkten gelassen, dabei aber lebhaft, wenn es an dem war. Wenn man sich nämlich nicht eins war, wurde leidenschaftlich diskutiert. Aber seltsam: Die Kontrahenten machten den Eindruck, dass sie ihre eigene Rhetorik gelassen… das es mehr ein Spiel war, in dem keiner vorhatte, den andern angespitzt in den Boden zu hauen.
Wie es heute mit den uralten Konflikten zwischen Großgrundbesitzern und Landarbeitern aussieht – dazu konnten wir in der kurzen Zeit nichts herausfinden. Aber dazu könnte man einmal in die Erzählungen von Giovanni Verga schauen, um die Grundstimmung zu schmecken.