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Der Türkenmarkt

12.10.07
Thomas Maurenbrecher

Der Türkenmarkt am Maybachufer
– die Marktschreier –

Prolog
Ich stehe gegen halb sechs abends unschlüssig vor einem Obststand mit Apfelsinen.
Eine Stimme: „Letztes Mal habe ich Dir welche ohne Kerne verkauft, die habe ich heute nicht!“
„Wieso, kennst Du mich denn wieder?“
„Du guckst so komisch!“
„He?“
„Du verdrehst die Augen, wenn Du einen anguckst!“
„Hm… ich kann nicht so gut sehen.“
„Siehst Du mich denn?“
„Schon…aber ich muß die Augen etwas drehen.“
„Ach so.“
„Manchmal ist es wirklich blöd’ für mich.“
„Wieso denn?“
„Ich kann die Frauen nicht so richtig sehen.“
„Hm….von der Seite kann man sie auch nicht angucken…“
„Und was kosten die Orangen, die hier mit den Kernen?“

Da wohnte ich erst ein paar Wochen in dem Haus, vor dem zweimal die Woche, dienstags und freitags, türkischer Markt stattfindet. Ich war verdutzt und irgendwie begeistert über soviel Nähe bei dem Gespräch am Stand. Die alten Erinnerungen aus meiner Zeit in türkischen Dörfern kamen wieder hoch. Nur kommen keine schwer bepackten Esel um die Ecke wie dort. Und es ist hier viel weniger Platz als auf den Bazaren in den türkischen Provinzstädten.
Aber eins war wie in Anatolien: Die Leute kommen hierhin, gehen an den Ständen vorbei, vergleichen, befühlen das eine oder andere – und hoffen immer, dass sie irgendeinen Bekannten treffen, mit dem es sich plaudern lässt.

Die Marktschreier und ihr Publikum
Sieben Uhr morgens. Die kleinen Lastwagen mit den Tischplatten, Planken und Latten für die Dächer, den Böcken, auf die die Tischplatten kommen, fahren langsam an. Es wird in Ruhe ausgeladen. Erst ein paar Böcke , dann Tischplatten drüber, dann die Latten quer über den Tisch, die jeder Stand braucht. Die Standplätze sind seit Jahren klar.
Dann kommen die Kübellastwagen mit den Lebensmitteln. Paletten werden runtergelassen, auf kleine Wagen mit Rädern und Gittern an den Längsseiten gepackt. Kiste um Kiste, Karton um Karton wandern an ihre Stellen. Knochenarbeit. Es werden immer mehr Kleinlaster, sie müssen rangieren, um aneinander vorbeizukommen. Die ersten Zurufe „Mehmet, komm’ mal!“ oder „Fahr’ zur Seite!“ schallen an den Häuserwänden herauf. Überhaupt die Zurufe, das ist die allgemeine Kommunikation. Manche machen dazwischen ganz ruhig ihre Arbeit, schleppen und schleppen.
Die Stände bekommen ihre Dächer mit den Planen, die elektrischen Lampen werden angeschlossen. Irgendwo ist eine Zapfstelle für den Strom. Lebensmittel aller Art, aber auch Schuhe, Stoffe für Kleider, Geschirr, Blumen. Fischbuden, Fleischbuden, ein Stand nur mit Eiern und Butter. Viele Käsestände. Seitenbespannungen für den Regen.
Die ersten älteren Frauen mit ihren Handwägelchen kommen heran, auch jüngere deutsche Paare. Jetzt spielt sich alles ruhig ab, die Stimmen, die Rufe steigen erst im Laufe des Tages an, wenn sich der Markt füllt. Wenn es überquillt. Alte Männer, Rentner, Opas kommen dazu, plaudern in Gruppen. Und die Verkäufer versuchen, mit ihren Zurufen aufzufallen und Käufer anzulocken.

Bohnen ein Euro! Fasülye bir Euro!
Bitt’schön bitt’scchön! Noch ein Wunsch?
Bitteschön hallo die Dame!
Eine junge Frau mit Jeansjacke, wohl eine Studentin, tut die orangefarbene Plastiktüte mit Bohnen in ihren Rucksack.

Ein Verkäufer: Ein Euro zwei Euro drei Euro // Eine junge deutsche Frau vor dem Stand, zurückhaltend, aber zielgerichtet: Ich hätte gern 1.200 Gramm Feigen// Der Verkäufer reicht ihr die Feigen: Drei Euro die Dame bitteschön!

Ein anderer Verkäufer: Tomaten frisch aus mein’ Garten, Tomaten Tomaaten TOMATÉN!// Der Verkäufer ihm gegenüber: Nur bei mir frisch und billig, Tomaten!
Bitteschön hallo buyrun! Kommen Sie!

Ein Verkäufer, er zeigt auf die Stoffrollen an seinem Stand: Rolle Rolle satiyorlar! Stoffballen zum Verkauf!!
Zwei Opas mit silbergrauen Bärten und Wollmützen, einer in der grauen türkischen Schalvar mit den reichen Falten, schlurfen vorbei. Stoffe, das ist nicht ihre Welt.

Paprika, kommt nicht aus Afrika!
Heute billig morgen teuer!
Zwei Jungen lachen, sie haben den Reim mitgekriegt.

Madame, komm’ bitteschön! Hier billig Madame!
Var Kiste Tomaten! Hier eine Kiste Tomaten!
Kiste Trauben: drei kaufen zwei bezahlen!
Eine Schwarze mit hochgesteckten Haaren nimmt eine Kiste, stemmt sie gegen die Hüfte.

Hallo ablam, fast geschenkt! Meine Schwester, fast geschenkt!

Hallo Dame, komm’! Gel gel (er klatscht laut mehrmals in die Hände), komm‘ komm‘!
Er gestikuliert: Bureya, buyreya, halt! Hierher, hierher, halt!
Hallo hallo, yenge! Hallo, Tante!
Zwei pummelige türkische Frauen mit bunten Kopftüchern und Einkaufstaschen auf Rädern kaufen reichlich Tomaten, sie haben wohl viele Esser zu Hause.

Haydi! Billiger billiger, komm’! Na los! Billiger, billiger, komm’!
Niemand achtet im Gedränge auf die Stimme.

Ein Verkäufer zu einer jungen Frau, die den Haufen Gurken an seinem Stand betrachtet: Salata, bak bak, ne güzel! Guck’ doch mal, was für schöne Gurken!

Hallo hallo, lecker lecker, komm’ her!
Feigen lecker lecker, FEIGÉN!

Ein Verkäufer ruft laut: Şeker, at at! Süß, nimm’ nimm’! Zu einem halbwüchsigen Mädchen vor dem Stand: Yalınız mısın? Bist Du allein? Bu çok şeker! Bist Du allein? Das hier ist ganz süß!

Ein Verkäufer zu drei türkischen Frauen, die seine Trauben probieren: Çok şeker, korkma! Die sind ganz süß, hab’ keine Angst!

Ein anderer Verkäufer zu einer Frau, die alles probiert, sich nicht entscheiden kann: Du machst mich verrückt! Warum nicht kaufen?
Die Frau lächelt, geht weiter.

Kurz vor 18 Uhr, der Markt schließt demnächst.
Feigenkiste! Kiste ZWEI! Kiste ZWEI! (die Preise gehen schon runter)
36 Sekunden, dann kein Verkauf mehr! Letzte letzte LETZTE!
Ende, Ende! Sie deuten auf das unverkaufte Obst an ihrem Stand: Ne yapacağız? Ne yapalım? Was werden wir machen? Was sollen wir machen?

Zwischen den beiden Reihen an Ständen, eine am Ufer des Landwehrkanals, eine vor der Häuserwand, haben sich auf dem Pflaster im Verlauf des Marktes schon Kisten, Gemüsereste, Kartons und Papierfetzen gestapelt und ineinander geschoben. Jetzt wird fachmännisch auf Paletten gestapelt, Bullis fahren an, die Paletten verschwinden darin. Die Stände mit den Dachplanen werden in Nullkommanix abgebaut, die Latten quer auf die Tische gelegt. Die unverkauften Lebensmittel werden eingepackt.
Dann kommen die Kleinlaster, die die Latten, Tischplatten, Böcke, aufs geschickteste gestapelt, verladen.
Als letztes kommt die Kolonne mit den riesigen Besen, die Reste werden bis auf die kleinsten Fetzen in Tonnen gepackt.

Autos parken wieder in die Lücken ein, Leute kommen mit Hunden, Jogger wippen vorbei. Es ist wieder so, als ob der ganze türkische Markt ein Spuk gewesen wäre. Komisch, das alles zweimal die Woche.

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Zur Aussprache:
Ç ç tsch
Ş ş sch
y j
ı kurzes „ö“
c dsch
ğ wird nicht gesprochen; der Vokal davor und der dahinter werden verschliffen
E e wird mehr wie „ä“ gesprochen
S stimmlos sprechen
bureeya bure’ija
FEIGÉN wird laut gesprochen, fast geschrieen, dabei das „É“ wie „Ä“ sprechen
GROSSBUCHSTABEN laut sprächen, fast schreien
Buyrun bu’irun
R rollend sprechen

Afrika in der Ankerklause

20.01.08
Thomas Maurenbrecher

Afrika in der Ankerklause

Sich umringende junge Gestalten, sprechend, gestikulierend, sich berührend, küssend. Tanzend, tanzend. Die Ankerklause, die so etwas wie ein Treffpunkt der jungen Szene von Neukölln und Kreuzberg ist, an der Ecke Kottbusser Damm und Maybachufer, steckt voller Menschen, brodelt. Die Biergläser sind in der Hand, stehen auf der Thekenbrüstung, auf den Tischen. Fuselgeruch im Raum, aber kein Zigarettenqualm mehr, das darf nicht mehr sein seit kurzem. Dafür geht man jetzt auf eine raus, auf den Balkon. Glimmende Augen, verhangene Augen, fast immer schlanke glatte Körper, fetzig aufgetakelt oder in abgewetzten Klamotten steckend. Stolz die Haltung vieler hier, die entschlossen nach ihrem Weg suchen, koste es was es wolle. Die drei hinter der Theke, zwei Männer und eine Frau, eigenwillig und wieder weich, der eine Kerl hat eine Baskenmütze auf wie ein selbst gestrickter Barde. Schnell sind die Griffe, eingeübt, wenn sie zapfen oder einschenken.

Erst allmählich merke ich, dass es rings um mich wogt, da wo ich mit meinem Alsterglas an der Thekenecke stehe. Oder es wogt um die Jukebox herum, aus der immer wieder ein anderer Rock- oder Pophit dringt, plärrt, hämmert. Aber nur, wenn einer was reinsteckt. Laut ist diese Musik, durchdringend, aufreizend. Die kleine Spanierin mit den halblangen schwarzen glatten Haaren neben mir fällt allmählich in einen ausgeprägteren Tanzrythmus, sie ist ein bisschen eine Tänzerin wie es scheint. Schlangenartig ihr Körper auf einmal, sie wiegt sich in den Hüften. Die Arme bewegt sie mit großen schweifenden Gesten, alles dann wieder nur angedeutet, aufbrechend. Es ist so ein Gemenge zwischen sprechen, sich in die Augen schauen, sich mit dem Körper an den Rhythmus hingeben. Nur sein, das ist es, nicht irgendein „Kuck mal hier!“. Zusammen sein. Ich falle auch in den schwingenden oder stampfenden Rhythmus: Wirbelsäule, Hüfte, Arme… párampadon…tabadám…

Und da schießt wieder das Bild von damals hoch, aus einem Homeland in Südafrika, es zieht mich hinein. Armseliges Stück Land, gut genug für die Schwarzen, ein paar Hütten aus Holz zusammengenagelt, mit Wellblechdächern. Xhosa wohnen dort, amtlich abgestempelt und etikettiert als Xhosa. Oder als Sotho, als Swana. Alle die, die aus der Sicht der Buren nicht zu den Afrikaaners gehören, niemals eine Wagenburg gebildet haben. Weg mit ihnen in die Halbsteppe.
von der Tür. Ich sehe: Da tanzt eine Schwarze, von traditionellen Tüchern umwickelt, n icht
Das ist ein Sonntagmorgen, war ein Sonntagmorgen damals, makellos, die heftige Sonne über dem Kap. Die vollkommene Stille war schon nicht mehr vollkommen, als ich meine Ohren richtig aufmachte. In der Ferne hörte ich einen leisen schlagenden Rhythmus. Der klang so, als ob es schon die ganze Nacht so gegangen wäre, ein übrig gebliebener Rhythmus. Ich konnte nicht widerstehen, ging in die Richtung dieses Pochens und Dröhnens, ließ mich den ganzen Weg lang immer mehr da hineinfallen, wiegte mich. Langsam, unendlich langsam wurde das Pochen lauter, bald hatte ich erreicht, wo es herkam. Da stand eine unscheinbare Hütte, die Türe halb offen. Ich gehe hinein, das Morgenlicht dringt nur dürftig herein, eigentlich ist da nur die Lichtschneise mehr ganz jung, wiegt sie sich, zuckt, die Arme entgleiten auch ihr, tanzt sie da, es tanzt. Schweißüberströmt ist sie, macht nichts, der Gott des Tanzes, vielleicht ursprünglich aus Yorubaland, aus der Sahelzone, aus den Drakensbergen ist er heruntergestiegen, ist jetzt in ihr. Sie hat die Augen geschlossen, der Gesichtsausdruck wirkt wie entrückt, den Mund hat sie ein wenig geöffnet. Ein Schrei gleich, ein Entzückensschrei? Nein, nichts, nur ihr Keuchen, sie stößt den Atem hervor. Und der Mann am Rand in der Hocke, trommelnd, pochend mit seinen schon faltigen Händen. Das Scharren ihrer nackten Füße auf dem gestampften Lehm. Makubele, du bist in deinem seligen Phantasma. Deine Augen wirken jetzt wie eingerollt, Trancekörper. Das Pochen, das Stampfen verkörpert sich in beiden, dem Mann und der Frau, nkosi sikalel’i Afrika.

Afrika, Afrika… ich vergehe im Gedanken an deine zerzausten Affenbrotbäume, an die Küste bei Kapstadt in ihrer wilden Schönheit, die mir den Atem verschlug,
du, Afrika mit den Benzinkanistern auf den Köpfen junger Frauen. Eine davon, die sich vor der Wellblechhütte wäscht, ich sehe sie durch die Ritze, zu Gast bin ich, nackt, sie wäscht sich dort an einer großen Benzintonne, trocknet sich ab, zieht plötzlich von irgendwoher einen Cremetopf hervor, bestreicht sich von oben bis unten, vor allem an den Beinen bis in die Kniekehlen, bückt sich, streckt sich dem Licht entgegen, dies Urbild von Unbekümmertheit, animalisch fast. Aber diese Mir-nichts-dir-nichts-Frau ist kein animal triste, war es noch nie. Ihre letzten Vorbereitungen sind das – für den Weg, den sie zu Fuß zur Arbeit gehen muss.

Aber das war am Vortag. Hier, in der dumpfen Hütte, sah ich so etwas wie eine Séance, ein Untertauchen in das Pulsierende, das aus dem festgetretenen Lehm aufsteigt, die Luft durchflirrt, in das Blut geht, aus ihm hervorquillt, das Sich-Wiegen, das Gewoge. Beide sind irgendwie darin versunken, der alte Mann in der Hocke, es trommelt aus ihm, sein Bauch und der der Trommel sind eins, sie sind irgendwohin abgedriftet. Strömen ins let it go: auf und ab, zur Seite, in die Runde, die Krümmung, ein bisschen in sich zusammenfallen, scharren, auf der Stelle, sich drehen, ausströmen in dieses düstere Graubraun des Hütteninnern, der Ankerklause, der hölzernen Klause am Kanal, umhüllt vom Azurblau eines makellosen Himmels. Südlich der Kalahari, nördlich vom Kap der guten Hoffnung, westlich von Maputo, östlich von Windhuk. Die andere Sonne, kaum über den Kreuzberg hinausgekommen in ihrem flachen Bogen. Den Kreuzberg,, auf dem immer noch die zerbrochenen Flaschen herumliegen, die Stöcke und Pappen von den Miniraketen aus der Silvesternacht, dieser erlaubten Orgie. Hier, an der Kreuzung von Kottbusser Damm und Maybachufer, nicht weit weg vom Drogenbazar des Kottbusser Tors, die Terrasse über dem Landwehrkanal vorkragend. Über dem schmalen Band aus schmutzigem Wasser, das Tag und Nacht die Schwäne im Pulk durchstromern. Afrika bricht hier ein, durch die Untergründe. Der Alte mit der Trommel und die Alte in Trance sind in der Jukebox verschwunden, stöhnen und schwitzen nicht mehr. Nein, hier plärren und schreien Rock und Pop aus den erlaubten Enklaven der Wildheit, die uns die Freaks und die vernarrten Rhythmusenthusiasten von diesseits und jenseits des Atlantik servieren. Als Balsam auf unsere Technikbesessenheit.

Praise God, praise the Lord. Take it, brother Satchmo! Das kommt aus einer schlichten Frömmigkeit ebenso wie aus anderen Enklaven der Wildheit und der Spielfreude, mit Waschbrett, Banjo und gestopfter Trompete und ich weiß nicht was. Bix Beiderbecke und Jelly Roll Morton, aus den Honkytonks kommt es, die ebenfalls düster und klein waren, den Enklaven der Expressivität, die sich die Schwarzen im Süden der USA erschlossen, abends, nachdem sie auf den Baumwollfeldern geschuftet hatten: im New Orleans, Ragtime, Boogie Woogie und Dixieland. Aber egal, hier sind es Rock und Pop, die wuchern, in den ungebändigten Kiezen von Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain, wo es sowieso wuchert. Praise the Lord!

Das junge Volk in der Ankerklause strömt hierhin, instinktiv, mit den Freunden, dem lover, dem honeysuckle. Sie alle äsen im Rhythmus, im afrikanischen Urelement, lassen alles los oder doch das meiste, geben sich hin. Von außen fällt sie kaum auf, die Ankerklause, sie ist düster, man übersieht sie leicht. Afrika vor der Haustür, schräg gegenüber vom Orient: dem einzigen türkischen Kaufhaus Europas.

Gibt es ein gutes Leben im falschen?

Das gute Leben ist das Grundthema jeglicher Ethik. Es geht dabei darum, welche Werte ich wähle und wie ich danach mein Handeln einrichte. Für den Ethiker gibt es kein falsches Leben, nur ein schlechtes – eins im Wertewirrwarr…
Heute, im globalisierten Neoliberalismus, gilt es, sich zu fragen, was ich wirklich brauche und was nicht. Der ungebremste Wachstumswahn sieht den Menschen nur als Produzenten oder Konsumenten – nicht aber als Person.
Das Gemurkse der etablierten Politik in der Finanzkrise als solches zu durchschauen, ist wichtig. Und öffentlich dagegen zu protestieren, wenn es dran ist.
Beharrlich, auch über Niederlagen, abzuspüren , wo die eigenen Fähigkeiten liegen. Und die Grenzen. Das persönliche Potenzial unabhängig von aller Professionalität. Dass es darauf ankommt, sich in Freundschaft und Liebe zu akzeptieren. Um die Sicherheit in einer unverbrüchlichen Lebenswelt geht es.
Und schließlich: Was zum guten Leben neben einem Stück Aufsässigkeit und Selbstdistanz gehört: Vertrauen. Erik H. Erikson nennt es Urvertrauen.

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Dass es immer wieder das Nadelöhr gibt im Leben, durch das man sich hindurchzwängt, weil man sonst abgehängt wird, wie man glaubt; dass es Krankheit, Unglück, ja auch Tragik gibt und man auf keinen grünen Zweig kommt, all das wird in der gleissnerischen Selbstdarstellung des Turbokapitalismus verschwiegen und verdeckt. Es ist die Falschheit im System, die an der Oberfläche so tut, als ginge es vor allem um die Entwicklung der Menschen, solange sie sich nur anstrengen. Wo es doch im Grunde genommen um Einpassung in ein ökonomisches System geht, das auf ständiges Wachstum und Profitmaximierung ausgerichtet ist. Dass es Konjunkturkrisen gibt, bei denen mit einem Schlag Menschen trotz ihrer jahrelangen Arbeitsleistung gekündigt werden. Man fasst das in dem alten Spruch zusammen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es wird davon ausgegangen, dass der Faktor Arbeit flexibel sein sollte. Menschen haben aber Biografien und die Tendenz, sich in Lebenswelten einzubetten. Die sind nicht beliebig erneuer- und austauschbar wie Produktionsprozesse. Es kommt ja nicht auf das Spektakuläre, auf Herzeigbares an, um ein gutes Leben zu führen, sondern in der Lebenspraxis auf eine vernünftige und begründbare Distanz zu öffentlich propagierten Werten, die wegen ihrer Tendenz zum juste milieu, wie Gustave Flaubert es genannt hat, zu den grauen Mäusen führen. Diese öffentlich propagierten Werte lassen nicht genug Freiraum und Fantasie für eine individuelle Lebensgestaltung.
Das gute Leben im falschen System ist nicht friedlich und unauffällig. Es lebt sich immer mal wieder rebellisch und aufwallend. Das hat man z.B. in Gorleben und bei den Castortransporten sehen können. Aber, wie Hannah Arendt in Vita activa dargestellt und auch Erich Fromm in Haben oder Sein überzeugend ausgeführt hat, geht es beim guten Leben nicht um äußeren Aktionismus oder um das Suhlen im Materiellen, sondern auch um ein Moment der Beschaulichkeit, vielleicht der Kontemplation. Das riecht nicht nach mittelalterlichen Kreuzgängen oder Mönchskutten, sondern nach der jeweils individuell angemessenen und immer wieder neu zu gewinnenden Balance zwischen äußerer Notwendigkeit und innerem Bedürfnis.
Kurzum: Das gute Leben ist immer möglich. Doch ist es verborgen und hängt auch mit unscheinbaren Dingen, mit so etwas wie einem lyrischen Alltagsgefühl zusammen. Wie Kurt Schwitters es so leicht in seinem Gedicht an Anna Blume ausgedrückt hat: Anna Blume, ich liebe dir!
Wahrscheinlich gibt es kein gutes Leben, wenn man keine Utopie in sich trägt. Das 1989 mit einer gewissen Häme konstatierte Ende der Utopie ist philisterhaft. Denn die Frage nach der gerechteren Gesellschaft stellt sich immer. Sie ist das Hauptthema im Werk von John Rawls.
Freiräume für ein gutes Leben sind, zusätzlich zu der inneren Bewegung, wie sie Hannah Arendt und Erich Fromm vorschwebte, von Psychologen der verschiedenen Schulen und von Körpertherapeuten geöffnet worden. In ihnen kann man sich in seinem Potenzial, das vielleicht bisher teilweise verdeckt war, neu entdecken. Man kann überhaupt lernen, etwas an sich, seinem Körper zu spüren – jenseits von Gymnastik und Fitnesstraining. Man kann überhaupt wieder lernen, sich innerlich und äußerlich freier zu bewegen, wie auch immer die sozialen und politischen Kontexte sein mögen. Im Unterschied zur beruflichen Performance, der herzeigbaren und in Münze umsetzbaren beruflichen Leistung, ist das die künstlerische Performance, die sich im Laufe der Zeit in vielfältiger Form aus Happening und der body art entwickelt hat. Das gute, das bessere Leben ist das, in dem man sich und seine Mitwelt jenseits erstarrter Rollen und Etikettierungen wieder frisch zu erleben lernt. Man kann das zu Texten oder Szenen ausbauen, dann ist es Improvisationstheater. Stets findet man dabei den Raum und die Gegenstände in ihm nicht bloß äußerlich vor, sondern erschließt sie für sich. Ist in ihm drin. Als Person.

Wahres und Träume

Hommage an eine unbekannte Volksdichterin

Die Ursel ist ne tolle Frau,
mit Mädchennamen Seltmann
– nicht,
vielmehr Seltfrau.
Den Namen hat sie längst geändert;
denn früher fragt’ man:
Na, wie geht’s, Seltfrau?
Seltfrau frau frau,
fast wie im Chor.
Das macht’ die Hunde stutzig,
die einen struppig,
and’re putzig;
auf einmal bellten los sie,
kläfften, knurrten;
die Straße lang tönt’s
Seltfrau wau, frau wau!

Es war der Wachmann Knolle,
der hatte den Kanal
mal wieder volle.
Er schwitzte, kratzt’ sich
unterm Kinn da;
als er sie rudern sah
mit Tasche, Plastiktüten,
drumrum die Wauwauhorde.
Nein, dacht’ er,
die muss man besser hüten!
Griff dienstlich zu,
packt’ Seltfrau, preßt
sie in die Minna:
Halt’ dich fest!
Seltsam ging’s zu
mit Tütatah! Die Hunde
liefen mit von fern und nah,
mit ihrer Wauwaufrau –
Eskorte dieser selt’nen einen.
Quer durch die Stadt
die Minna fuhr und fuhr,
die Hunde vorn, die Hunde hinten;
die Ursel war in guter Hut,
ringsum ertönt es: wau wau,
wau –tut tut!

Seither heißt sie
nur Ursula Seltmann,
tönt selber laut und
lässt sich streicheln
von Christen, kurz:
von lieben Menschen;
doch muss man auch
sie führen, glätten.
Bei ihrem Wesen, ihrem netten,
hätt’ sie sonst zu sehr
selbst die Hos’ an.