Brücken bauen

Am vergangenen Wochenende fand in der prall gefüllten City-Kirche in Wuppertal – Elberfeld unter dem Titel >Kultur – Landschaft Armenien< eine Veranstaltung statt, die in ihrer Frische und Präsenz ein Beispiel dafür war, wie lebendig Kultur sein kann.
Zwei Frauen, Alice Gad und Monika Werhahn-Mees, berichteten von ihrer Osterreise nach Armenien: ein Reisetagebuch wurde aufgeblättert, die Stiftung für Kulturaustausch mit ihrem Kulturzentrum in einem Dorf am Sevansee wurde vorgestellt. Bilder der majestätischen Berglandschaften Armeniens und der alten Klöster und Kirchen, die so vollendet wirken und gleichzeitig wie aus einem Baukasten mit Klötzen in geometrischen Urformen zusammengesetzt schienen, zogen an uns vorbei.
Das Trio Con Voce mit Ulrich Klan, Anja Lendrat und Robert Dißelmeyer spielte getragen – melancholische oder feurig-skandierte Musik armenischer Komponisten wie Komitas oder Sayat Nova. Von denen hatte man nie gehört, war nie über den furiosen Säbeltanz von Katschaturian hinausgekommen.
Aber das Lebendige war, dass sich Wort und Klang immer wieder verschränkten, dass es immer wieder Stellen für Improvisation auf der Geige gab.
Die Stiftung für Kulturaustausch, deren Seminarprogramm demnächst beginnt, will Brücken zwischen Mitteleuropa und dem alten Kulturraum Armenien bauen. Der droht durch unglückliche politische Umstände bis hin zum Massaker am armenischen Volk immer wieder in Vergessenheit zu versinken, wie irgend so ein Kloster auf der Sinaihalbinsel, an den Felsen geklebt, das jeder schon einmal beim Blättern in einem Bildband mit den Augen gestreift hat. Der Ararat und Noah, der von jeder Tiergattung vom Kamel bis zum Meerschweinchen ein Paar in seine Arche lässt, damit es die große Flut übersteht – davon hat jeder schon einmal gehört und vielleicht putzig gefunden. Doch der Ararat als heiliger Berg der Armenier? Kann sein… kann auch nicht sein. Dafür waren wir schon einmal auf der Zugspitze oder auf dem Belchen, schöne Aussicht.
Die Gräueltaten gegenüber unschuldigen Männern, Frauen und Kindern, Bürgern des Osmanischen Reiches, Kulturträger in angesehenen Berufen 1915 – 1916 – wie soll man damit umgehen, wo doch damals die deutschen Diplomaten und Politiker mit den Borsigwerken für den Eisenbahnbau im Hintergrund konstant wegschauten und schwiegen? Es ist wichtig, das Abgründige im eigenen politischen Haus und in der eigenen Seele anzuschauen und nach so vielen Jahrzehnten die Arme und die Herzen zu öffnen und endlich ein kollektives Verhalten zu überwinden, das Alexander und Margarete Mitscherlich einmal (1967) >Die Unfähigkeit zu trauern< genannt haben. Nicht Trekking im Kaukasus oder Sich-Zuprosten mit armenischem Maulbeerschnaps eröffnet eine kulturelle Zukunft, sondern die Verletzungen zu zeigen, wie eine Schwachstelle auf der eigenen Siegfriedshaut. Sich wieder verletzbar machen, macht uns menschlich. Wie es Joseph Beuys gesagt hat: Zeige deine Wunde!
In dem Oratorium von Ulrich Klan >Wie eine Taube< in Erinnerung an den Mord an dem armenisch – türkischen Journalisten Hrant Dink im Jahre 2007, das im April dieses Jahres uraufgeführt wurde, wird dieser menschheitliche Ton des Ineinanders von Klage und Hymnus angeschlagen, dass unsere Herzen in Bewegung bringt wie der Durchgang der polyphonen Musik durch alle Tonarten im Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach. Bewegte Herzen, die wieder zum Herzdenken eines Blaise Pascal, einer Karen Armstrong und des Swami Vivekananda fähig sind. Statt im Mimikry der instrumentellen Vernunft zu verharren, die blindlings Leopardpanzer, Tablet Laptops und Herzschrittmacher auf den Markt wirft. Everything goes which sells.

Um wieder zur Veranstaltung in der City-Kirche in Wuppertal zurück zu kehren: Die gezupfte und gestrichene Geige war zwischendurch immer wieder zu hören, wie wenn sich Straßenmusik in den Kirchenraum verirren durfte. Nachdem ein Text und Musik über die Kamancha,, die anatolische Geige, zu hören war, stellte sich am Schluss spontan ein  armenischer Sänger aus dem Publikum vorne hin und sang mit voller Stimme das Lied der Kamancha, als ob er es aus höheren Sphären zu allen herunter bringen wollte.

Träger der Veranstaltung waren die Armin T. Wegner Gesellslchaft – www.armin-t-wegner.de -und die Monika Werhahn-Mees Fördertstiftung und für Kulturaustausch – www.monika-werhahn-mees-stiftung.de.

Performance/Installation >Behind our eyes< auf dem Festival 48 h Neukölln

14.Kunst- und Kulturfestival / 48 Stunden Neukölln – 15.- 17. Juni 2012 Performance / Installation

behind our eyes – 48:8 = 6

Jens Reulecke in Zusammenarbeit mit Florian Erdle, Arne Fiedler, Tabea Gebauer,
Katharina Philipp, Cornelius Pöpel, Katharina Resch und Gerhard Uebele.

behind our eyes
painful gravity
it starts to snow
vision of angels
the whiteness
impression of infinity

Acht Performer/innen in jeweils verschiedener Zusammensetzung kreisen in sechs
Performances von unterschiedlicher Dauer um das 48 Stunden-Thema “Endstation
Paradies“. Sechs Titel geben dabei inhaltliche Richtungen an und bieten den Performern
Orientierung.
“behind our eyes“ lokalisiert ihren Ort, während “painful gravity“ von den Schwierigkeiten
dieser Verortung spricht. “it starts to snow“ verwandelt die Szene mittels Videoprojektionen
in einen grenzenlosen Raum, der „vision of angels“ einleitet. Irreales wird hier leiblich
greifbar, während “the whiteness“ den Faden aufnimmt und die Szene in die
Durchsichtigkeit eines Hörraumes überführt. Bis in “impression of infinity“ die Stimmen der
Performer/innen schliesslich expandieren.

15. -17.Juni 2012
Galerie : Mainzer7
Mainzerstrasse 7
12053 Berlin/Neukölln
http://mainzer7.de/aktuelles

I

15.6. / 20:00-22:00 Uhr / behind our eyes                                                                             mit Florian Erdle, Arne Fiedler, Tabea Gebauer, Cornelius Pöpel, Jens Reulecke
..wir nehmen Kontakt auf – was existiert dahinter? – Verborgenes hervorlocken – verbunden durch das gleiche Schicksal entlang an Textfragmenten und Bewegungen..

Sound: Florian Erdle u. Cornelius Pöpel / Stimme: Arne Fiedler / Bewegung: Tabea
Gebauer u. Jens Reulecke / Text: Jens Reulecke

II

16.6. / 13:00-15:00 Uhr / painful gravity                                                                                 mit Florian Erdle, Tabea Gebauer, Katharina Philipp, Jens Reulecke
.. von der Schwierigkeit der Verortung – Empfinden von Schmerzen – Berührung und
Widerstand – bis zur Erschöpfung..

Sound: Florian Erdle / Bewegung: Tabea Gebauer, Katharina Philipp u. Jens Reulecke

III

16.6. / 18:00-20:00 Uhr / it starts to snow
mit Florian Erdle, Tabea Gebauer, Cornelius Pöpel, Jens Reulecke
..über die Grenzenlosigkeit – sich verlieren – Instabilitäten..

Sound: Florian Erdle u. Cornelius Pöpel / Video: Florian Erdle / Bewegung: Tabea
Gebauer u. Jens Reulecke

16.6. / 21:00-23:00 / vision of angels                                                                                        mit Florian Erdle, Tabea Gebauer, Katharina Resch, Jens Reulecke
..Irreales wird leiblich greifbar – was geschieht, wenn sich der Himmel öffnet? – vision of
angels besitzt halluzinatorische Qualitäten..

Sound: Florian Erdle, Tabea Gebauer / Video: Florian Erdle / Stimme: Tabea Gebauer u.
Jens Reulecke / Bewegung: Tabea Gebauer, Katharina Resch u. Jens Reulecke / Texte:
Jens Reulecke

V

17.6. / 13:00-15:00 Uhr / the whiteness
mit Florian Erdle, Tabea Gebauer, Jens Reulecke
..Hörräume – ein Spiel im Wechel von Stimme und Bewegung..

Sound: Florian Erdle, Tabea Gebauer (Stimme u. Bewegung) u. Jens Reulecke (Stimme u.Bewegung)

VI

17.6. / 17:00-19:00 Uhr / impression of infinity                                                                      mit Florian Erdle, Arne Fiedler, Tabea Gebauer, Cornelius Pöpel, Katharina Resch,
Jens Reulecke, Gerhard Uebele
.. Stimmen expandieren – endlos – entlassen in den Raum –

Sound: Florian Erdle, Cornelius Pöpel u. Gerhard Uebele / Video: Florian Erdle / Stimme:
Arne Fiedler, Tabea Gebauer, Katharina Resch u. Jens Reulecke / Bewegung: Tabea
Gebauer, Katharina Resch u. Jens Reulecke / Text: Jens Reulecke

Vita

Florian Erdle, 1976 in Berlin geboren, machte eine Ausbildung zum Audio Engineer an
der SAE (School of Audio Engineering) Berlin. Er arbeitet mit Ton, Video
und Fotografie. www.florianerdle.de

Arne Fiedler, 1973 in Lübeck geboren, studierte von 2002 bis 2005 an der Schauspielschule Charlottenburg unter der Leitung von Valentin Platareanu. Er ist seither
als Schauspieler in Kino- und Fernsehproduktionen sowie im Theater zu sehen und hält
Lesungen. Vertreten durch: fangfrischschauspiel, Konrad Weinz              http://arnefiedler.de/kontakt.html

Tabea Gebauer, 1981 in Nürnberg geboren, studierte von 2001 bis 2007 Jazz- und Popularmusik im Hauptfach Gesang an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin.
Neben ihrer Tätigkeit als Musikpädagogin trat sie deutschlandweit Solo und in
unterschiedlichen Formationen auf. Seit 2006 beschäftigt sie sich mit Performance-Kunst und realisierte verschiedene Projekte in Kooperation mit Jens Reulecke.

Katharina Philipp, 1983 in Dresden geboren, arbeitet seit 2004 als Schauspielerin in
diversen Kurzfilmen, Theaterstücken, Lesungen. Mehrfach kam es bereits zu einer
Zusammenarbeit mit Jens Reulecke. Nebenbei studiert sie seit 2010 Soziale Arbeit und
Religionspädagogik.
http://www.katharinaphilipp.de/

Cornelius Pöpel, geboren 1967 in Stuttgart, Viola Studium (1988 – 1994) und
anschliessend Audio-Design Studium (1994-1999) an den Musikhochschulen Düsseldorf,
Hannover und Basel. Promotion (Musiktechnologie) an der University of Birmingham, UK(2011). Internationale Konzert- und Vortragstätigkeit in Europa, den USA und Asien.
Künstlerische Arbeit als Bratschist, Klangregisseur, Sounddesigner, Live-Elektroniker,
Improvisateur und Komponist. Seit 2008 Professur für Audioproducing/Audiogestaltung im
Medienkontext an der Hochschule Ansbach.

Katharina Resch, tanzte 2003 bis 2005 in der Cía. Nómada unter der Leitung von R.
Torres am Teatro Victoria, Teneriffa und schloss ihr Choreographiestudium an der
Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin 2010 mit dem interdisziplinären Projekt aus Land Art, Video, Musik und Tanz „GEscHwindEN“ in den Uferstudios ab.   https://vimeo.com/158316502011 bis 2012 entstanden verschiedene Formate und Performances, wie z.B. Improvisationen mit Text + Musik und Kooperationen mit anderen Choreographen .

Jens Reulecke, 1960 in Berlin geboren. Universität der Künste Berlin: Studium der Freien
Malerei (1980-1986). Meisterschüler von Prof. Hirsig (1985). Auslandsaufenthalte in
Nordengland, London, Schottland (1988-1990) und Westafrika/Niger (1992-2000). Er
arbeitet in den Bereichen Fotografie, Malerei, Land-Art, Installation, Performance und Lecture Performance mit Projekten in England, Südkorea, China, der Türkei, den USA, der Schweiz und Frankreich. Seit 2009 Lehraufträge an Universitäten/Hochschulen in Deutschland und China. Jens Reulecke ist Mitglied des Berufverband Bildender Künstler und des Verein Berliner Künstler.

www.JensReulecke.com

Gerhard Uebele, geboren 1962, studierte Musikwissenschaft und Philosophie. Seit vielen Jahren tätig als Geiger im Bereich der improvisierten Musik. Häufige Zusammenarbeit mit Tänzern und Performancekünstlern. 2009 organisierte und leitete er das Internationale
Festival Violinale Berlin in der Heilig-Kreuz-Kirche und im Exploratorium.