Paulskirche gegen Auschwitz – Erinnerung oder Verdrängung?

Unter diesem Titel hat sich der Kulturraum Mainzer7 an den 10. Tagen des Interkulturellen Dialogs beteiligt. Zusammen mit ca. 50 anderen Initiativen und Vereinen bemühte sich unser Dialogtisch am 24. Oktober, in einer Zeit des drohenden Rassismus und Rechtsextremismus, seinen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und zur erneuten Politisierung der Zivilgesellschaft beizutragen.
Wieder ein Beispiel für die Kultur von unten, um die es uns geht.
Wir waren 7 TeilnehmerInnen, unter uns ein Peruaner, Hernán Silva Santisteban, der moderierte. Zu Beginn führte Thomas Maurenbrecher in das Thema ein, das für manche etwas kryptisch formuliert war. Es gebe seit Jahrzehnten unter englischsprachigen Historikern den Begriff >The German Sonderweg<. Was damit gemeint ist? Dass sich Deutschland ab 1870 in zügigem Tempo zur urbanisierten Industriegesellschaft wandelte, dass aber die dazugehörige politische Modernisierung nachhinkte. Die Einigung und Gründung des Reiches unter Bismarck erfolgte >von oben<, die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie wurden taktisch an den Rand gedrängt, Gewerkschaften blieben bis 1919 verboten. Ballonmützen waren verpönt, aber auf dem bronzenen Helm des Kaisers prunkte ein Adler. Die militante Großmachtpolitik im Wilhelminismus führte in den Ersten Weltkrieg.. Die erste, die Weimarer Republik, wurde ebenso wie die Bonner Republik nach einem verlorenen Weltkrieg eingeführt und nicht in einem Bürgerkrieg durch den Sieg demokratischer Kräfte erkämpft. Fazit: Die Demokratie setzte sich in Deutschland spät durch, die Menschen haben unter zwei Diktaturen gelitten. Für diese Prozesse sind die Paulskirche mit der nicht angenommenen Verfassung und Auschwitz als Unort symbolische Kristallisationspunkte. Es ging zunächst um die Tatsache, dass es seit der Antike Judenpogrome gegeben hat. Diese komplexen historischen Zusammenhänge konnten wir nicht erörtern, erwähnt wurde aber die christlich – jüdische Spannung. So wurde bis vor ein paar Jahren in den katholischen Kirchen am Karfreitag für die >gottlosen Juden< gebetet, die Mörder Jesu. Jemand stellte die Frage, ob es auch zu Auschwitz gekommen wäre, wenn 1848 die in der Paulskirche erarbeitete Verfassung vom König angenommen worden wäre. Das ist natürlich eine hypothetische Frage, aber der militante Ton der Politik im Kaiserreich schuf immer wieder neue Gräben in der Gesellschaft. Wir machten uns klar, dass es damals Antisemitismus auch in anderen europäischen Staaten gab. Wir kamen zum Kern, der Frage nach den Bedingungen einer aktiven und lebendigen Zivilgesellschaft – einer Gesellschaft mit Diskurskultur, die Konflikte verarbeiten und produktiv machen kann. Wir waren uns darüber einig, dass ein Mensch, der sich über die Frage der persönlichen Lebensverhältnisse hinaus immer wieder einmischt, bereits in der Kindheit geformt wird. Es ist also ein pädagogisches Problem in den Schulen: welche Werte werden über das Herausprüfen von Leistungen und der damit verbundenen Konkurrenzmentalität hinaus in der Erziehung vermittelt? Zentrale Werte sind dabei ein Gefühl für Gerechtigkeit und Würde.. Wir fanden heraus, dass es angemessener ist, von Mitwelt zu sprechen statt von Umwelt. Umwelt, das ist ein biologischer Begriff, wichtig beim Pflanzenwachstum; in der Mitwelt leben die Menschen nicht mehr oder weniger vereinzelt nebeneinander her, beeindrucken einander mit diesem und jenem, sondern fühlen sich dem Nächsten als Spiegel ihrer selbst in anderer Zusammensetzung verbunden. Der Begriff der Empathie oder der des Mitgefühls tauchten auf. Das revolutionäre Engagement als extreme Form des Eingreifens wurde gestreift. Es gebe hier eine große Bandbreite von Figuren wie Gandhi bis hin zu Che Guevara. Zivilgesellschaft wird immer wieder vital, formiert sich zu Bewegungen bei anstehenden politischen Problemen. Beispiele dafür waren in letzter Zeit Stuttgart 21 und der kommerzielle Ausbau des Nürburgrings. Dabei wurde immer wieder mehr Transparenz der politischen Prozesse eingefordert. Die Frage, ob es in Deutschland wegen des späten Starts der Demokratie noch einen Rückstau an politischen, sozialen und künstlerischen Bewegungen innerhalb der Gesellschaft gebe, die ja immer noch stark ein Verbandstaat ist, konnte in der Kürze der Zeit nicht genauer eingeschätzt werden. Klar wurde aber, dass es zur Vermeidung der Abschwächung demokratischer Prozesse durch Einflussnahme mächtiger Interessengruppen einer möglichst großen Anzahl von Menschen bedarf, die sich einmischen und nicht bloß leistungswillige Mitläufer sein möchten.