Wilhelm Lotze, Wege zur Menschlichkeit

Gestern Abend hielt Wilhelm Lotze seinen lange vorbereiteten Vortrag in den Räumen der Mainzer7. Das ist seine Vision einer besseren Gesellschaft – ohne dass wir auf Robinson Crusoes Insel auswandern oder gleich noch einmal Robert Owens Versuch einer sozialistisch konzipierten Kolonie >New harmony< aufs neue aufbauen. Wilhelm drückt die vier Kernpunkte seines Vortrags so aus: „Die vier Kernaussagen […] sind: 1.) Die Menschlichkeit des Menschen wächst in dem Maß, wie er sein Leben von einer Liebe tragen lässt, die frei und spontan von Herzen kommt. 2.) Die Unmenschlichkeit des Menschen wächst in dem Maß, wie er sich von Angst treiben lässt. 3.) Von „Wegen zur Menschlichkeit“ rede ich im Plural, weil ich denke, dass jeder Mensch seinen eignen, ganz individuellen Weg finden muss. 4.) Diese Wege führen jedoch aus meiner Sicht nur ans Ziel, wenn wir uns mit Gleichgesinnten zu einer völlig autonomen Gemeinschaft zusammenschließen, welche einen permanenten Erfahrungsaustausch über alles führt, was existenziell wichtig wird.“ Wir waren etwa 14 Personen mit ganz verschiedenen Erfahrungen – natürlich ohne den Typ, den ich einmal den gediegenen Versicherungsvertreter nennen möchte, mit Bausparvertrag ab 21 usw. Diese Art >Krustentiere< würden gar nicht zu Wilhelms Vorschlägen für eine neue Menschengemeinschaft stoßen; deren Ausgang kann man ja kaum abschätzen. Robert Owen musste 1828 sein Experiment der kooperativen Gemeinschaft abbrechen, obwohl er vorher unternehmerisch sehr erfolgreich war. Und trotzdem: Es war eine Labsal, diesem fast barocken Wortschwall von 61 Minuten Dauer, von einer Pause unterbrochen, zu folgen und dabei innerlich mitzugehen – wenn man vielleicht auch nicht in allen Punkten einer Meinung war. Denn, wie alle utopischen Denker von Campanella über Thomas More bis zu Ernst Bloch unterstreichen, bekommt das Leben erst in seiner Zukunftsfähigkeit - die nichts mit äußeren Zwecken zu tun hat - seinen Schmelz, seine Frische, die es dann auch nie verliert. Dabei sei nicht übersehen, dass es nötig ist, nüchtern zu bleiben und die – vielleicht mühsamen – Alltagsprobleme anzugehen und zu lösen. Warum ist denn nun die Fähigkeit zur Utopie so wichtig, wo man doch auf Kredite und Tilgungspläne zurückgreifen könnte, die einem die Sirenengesänge der Banken immer wieder als einzig vernünftig nahelegen? Ja warum? Wenn alle Partys gefeiert, alle amour fou durchlebt und alle Trips ausgekostet sind, man vielleicht sogar in Pucket zum Plantschen war - erscheint der Überdruss am Horizont wie eine Schimäre. Philosophisch gesprochen dürfen wir den Modus der Potenzialität nie aus dem Blick verlieren, in dem wir unverdrossen daran arbeiten, uns aufs Neue zu entwerfen. Wie auch in Wilhems Vortrag deutlich wurde: Entscheidend für den Mut, ja die Sehnsucht, eine solche Menschengemeinschaft von mindestens zwölf Personen zu begründen, ist die innere Vorbereitung. Dass man zumindest damit begonnen hat, die Selbsttäuschungen abzulegen. Denn klar ist auch hier: Hart im Raume stoßen sich die Sachen, wenn man dann zu zwölft um einen Tisch sitzt. Die Angst und die Liebe als die beiden Antipoden im Wilhems Vortrag, das ist zutreffend. Es erinnert vielleicht an Sigmund Freuds Gegensatzpaar von Eros und Thanatos. Doch Wilhelm verlässt Freuds Konzept, wonach die Psyche nichts sei als ein Dampftopf. Er ringt um den geistigen Kern des Menschen. Der kommt umso klarer ans Tageslicht, wenn wir den ganzen Schutt, den Jahrhunderte alten Schutt an kirchlichen Dogmen hinter uns lassen. Diese Dogemen sagen doch nur immer auf eine andere Weise: Das sollst du tun und das nicht; dafür erwarten dich einmal Bestrafung oder Belohnung. Die Gedankenformen der Theologen haben sich im Laufe der Zeit immer mehr den wissenschaftlichen Thesen angenähert und dabei jegliche Spontaneität verloren, meint Wilhelm. Es ergab sich eine lebhafte Diskussion, ein Zeichen dafür, dass Wilhelm seine Zuhörer existenziell erreicht hatte. Offen blieb die Frage, wie die Persönlichkeiten der zwölf Leute in der neuen Menschengemeinschaft beschaffen sein oder sich entwickeln sollten oder könnten. Konkret: Inwieweit sich da jeder zu begrenzen habe oder entgrenzen könne.