Der Türkenmarkt

12.10.07
Thomas Maurenbrecher

Der Türkenmarkt am Maybachufer
– die Marktschreier –

Prolog
Ich stehe gegen halb sechs abends unschlüssig vor einem Obststand mit Apfelsinen.
Eine Stimme: „Letztes Mal habe ich Dir welche ohne Kerne verkauft, die habe ich heute nicht!“
„Wieso, kennst Du mich denn wieder?“
„Du guckst so komisch!“
„He?“
„Du verdrehst die Augen, wenn Du einen anguckst!“
„Hm… ich kann nicht so gut sehen.“
„Siehst Du mich denn?“
„Schon…aber ich muß die Augen etwas drehen.“
„Ach so.“
„Manchmal ist es wirklich blöd’ für mich.“
„Wieso denn?“
„Ich kann die Frauen nicht so richtig sehen.“
„Hm….von der Seite kann man sie auch nicht angucken…“
„Und was kosten die Orangen, die hier mit den Kernen?“

Da wohnte ich erst ein paar Wochen in dem Haus, vor dem zweimal die Woche, dienstags und freitags, türkischer Markt stattfindet. Ich war verdutzt und irgendwie begeistert über soviel Nähe bei dem Gespräch am Stand. Die alten Erinnerungen aus meiner Zeit in türkischen Dörfern kamen wieder hoch. Nur kommen keine schwer bepackten Esel um die Ecke wie dort. Und es ist hier viel weniger Platz als auf den Bazaren in den türkischen Provinzstädten.
Aber eins war wie in Anatolien: Die Leute kommen hierhin, gehen an den Ständen vorbei, vergleichen, befühlen das eine oder andere – und hoffen immer, dass sie irgendeinen Bekannten treffen, mit dem es sich plaudern lässt.

Die Marktschreier und ihr Publikum
Sieben Uhr morgens. Die kleinen Lastwagen mit den Tischplatten, Planken und Latten für die Dächer, den Böcken, auf die die Tischplatten kommen, fahren langsam an. Es wird in Ruhe ausgeladen. Erst ein paar Böcke , dann Tischplatten drüber, dann die Latten quer über den Tisch, die jeder Stand braucht. Die Standplätze sind seit Jahren klar.
Dann kommen die Kübellastwagen mit den Lebensmitteln. Paletten werden runtergelassen, auf kleine Wagen mit Rädern und Gittern an den Längsseiten gepackt. Kiste um Kiste, Karton um Karton wandern an ihre Stellen. Knochenarbeit. Es werden immer mehr Kleinlaster, sie müssen rangieren, um aneinander vorbeizukommen. Die ersten Zurufe „Mehmet, komm’ mal!“ oder „Fahr’ zur Seite!“ schallen an den Häuserwänden herauf. Überhaupt die Zurufe, das ist die allgemeine Kommunikation. Manche machen dazwischen ganz ruhig ihre Arbeit, schleppen und schleppen.
Die Stände bekommen ihre Dächer mit den Planen, die elektrischen Lampen werden angeschlossen. Irgendwo ist eine Zapfstelle für den Strom. Lebensmittel aller Art, aber auch Schuhe, Stoffe für Kleider, Geschirr, Blumen. Fischbuden, Fleischbuden, ein Stand nur mit Eiern und Butter. Viele Käsestände. Seitenbespannungen für den Regen.
Die ersten älteren Frauen mit ihren Handwägelchen kommen heran, auch jüngere deutsche Paare. Jetzt spielt sich alles ruhig ab, die Stimmen, die Rufe steigen erst im Laufe des Tages an, wenn sich der Markt füllt. Wenn es überquillt. Alte Männer, Rentner, Opas kommen dazu, plaudern in Gruppen. Und die Verkäufer versuchen, mit ihren Zurufen aufzufallen und Käufer anzulocken.

Bohnen ein Euro! Fasülye bir Euro!
Bitt’schön bitt’scchön! Noch ein Wunsch?
Bitteschön hallo die Dame!
Eine junge Frau mit Jeansjacke, wohl eine Studentin, tut die orangefarbene Plastiktüte mit Bohnen in ihren Rucksack.

Ein Verkäufer: Ein Euro zwei Euro drei Euro // Eine junge deutsche Frau vor dem Stand, zurückhaltend, aber zielgerichtet: Ich hätte gern 1.200 Gramm Feigen// Der Verkäufer reicht ihr die Feigen: Drei Euro die Dame bitteschön!

Ein anderer Verkäufer: Tomaten frisch aus mein’ Garten, Tomaten Tomaaten TOMATÉN!// Der Verkäufer ihm gegenüber: Nur bei mir frisch und billig, Tomaten!
Bitteschön hallo buyrun! Kommen Sie!

Ein Verkäufer, er zeigt auf die Stoffrollen an seinem Stand: Rolle Rolle satiyorlar! Stoffballen zum Verkauf!!
Zwei Opas mit silbergrauen Bärten und Wollmützen, einer in der grauen türkischen Schalvar mit den reichen Falten, schlurfen vorbei. Stoffe, das ist nicht ihre Welt.

Paprika, kommt nicht aus Afrika!
Heute billig morgen teuer!
Zwei Jungen lachen, sie haben den Reim mitgekriegt.

Madame, komm’ bitteschön! Hier billig Madame!
Var Kiste Tomaten! Hier eine Kiste Tomaten!
Kiste Trauben: drei kaufen zwei bezahlen!
Eine Schwarze mit hochgesteckten Haaren nimmt eine Kiste, stemmt sie gegen die Hüfte.

Hallo ablam, fast geschenkt! Meine Schwester, fast geschenkt!

Hallo Dame, komm’! Gel gel (er klatscht laut mehrmals in die Hände), komm‘ komm‘!
Er gestikuliert: Bureya, buyreya, halt! Hierher, hierher, halt!
Hallo hallo, yenge! Hallo, Tante!
Zwei pummelige türkische Frauen mit bunten Kopftüchern und Einkaufstaschen auf Rädern kaufen reichlich Tomaten, sie haben wohl viele Esser zu Hause.

Haydi! Billiger billiger, komm’! Na los! Billiger, billiger, komm’!
Niemand achtet im Gedränge auf die Stimme.

Ein Verkäufer zu einer jungen Frau, die den Haufen Gurken an seinem Stand betrachtet: Salata, bak bak, ne güzel! Guck’ doch mal, was für schöne Gurken!

Hallo hallo, lecker lecker, komm’ her!
Feigen lecker lecker, FEIGÉN!

Ein Verkäufer ruft laut: Şeker, at at! Süß, nimm’ nimm’! Zu einem halbwüchsigen Mädchen vor dem Stand: Yalınız mısın? Bist Du allein? Bu çok şeker! Bist Du allein? Das hier ist ganz süß!

Ein Verkäufer zu drei türkischen Frauen, die seine Trauben probieren: Çok şeker, korkma! Die sind ganz süß, hab’ keine Angst!

Ein anderer Verkäufer zu einer Frau, die alles probiert, sich nicht entscheiden kann: Du machst mich verrückt! Warum nicht kaufen?
Die Frau lächelt, geht weiter.

Kurz vor 18 Uhr, der Markt schließt demnächst.
Feigenkiste! Kiste ZWEI! Kiste ZWEI! (die Preise gehen schon runter)
36 Sekunden, dann kein Verkauf mehr! Letzte letzte LETZTE!
Ende, Ende! Sie deuten auf das unverkaufte Obst an ihrem Stand: Ne yapacağız? Ne yapalım? Was werden wir machen? Was sollen wir machen?

Zwischen den beiden Reihen an Ständen, eine am Ufer des Landwehrkanals, eine vor der Häuserwand, haben sich auf dem Pflaster im Verlauf des Marktes schon Kisten, Gemüsereste, Kartons und Papierfetzen gestapelt und ineinander geschoben. Jetzt wird fachmännisch auf Paletten gestapelt, Bullis fahren an, die Paletten verschwinden darin. Die Stände mit den Dachplanen werden in Nullkommanix abgebaut, die Latten quer auf die Tische gelegt. Die unverkauften Lebensmittel werden eingepackt.
Dann kommen die Kleinlaster, die die Latten, Tischplatten, Böcke, aufs geschickteste gestapelt, verladen.
Als letztes kommt die Kolonne mit den riesigen Besen, die Reste werden bis auf die kleinsten Fetzen in Tonnen gepackt.

Autos parken wieder in die Lücken ein, Leute kommen mit Hunden, Jogger wippen vorbei. Es ist wieder so, als ob der ganze türkische Markt ein Spuk gewesen wäre. Komisch, das alles zweimal die Woche.

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Zur Aussprache:
Ç ç tsch
Ş ş sch
y j
ı kurzes „ö“
c dsch
ğ wird nicht gesprochen; der Vokal davor und der dahinter werden verschliffen
E e wird mehr wie „ä“ gesprochen
S stimmlos sprechen
bureeya bure’ija
FEIGÉN wird laut gesprochen, fast geschrieen, dabei das „É“ wie „Ä“ sprechen
GROSSBUCHSTABEN laut sprächen, fast schreien
Buyrun bu’irun
R rollend sprechen