Stippvisite in Sizilien

Fünf Tage mal eben in Sizilien, mal so runtergeflyert… was soll man dazu sagen? War schön, haben gut gegessen, neben dem Amaretto gibt es auch andere gute Getränke dort…ne, das lohnt sich nicht. Dann kann ich schon gleich in die Zeitschrift >mobil< der DB gucken, da steht diese Art Reiseprosa drin.
Warum das Ganze? Ich wollte einen alten Freund in Apulien besuchen, mit dem ich in einem soziokulturellen Projekt in Bielefeld gearbeitet hatte, mit ihm feiern, dass es die Italiener nach drei Amtszeiten von Berlusconi, in denen er sie medienwirksam einlullte und mit seinem fröhlichen Heiapopeia mit den 17 jährigen endlich durchschauten, was an dem Landesvater Berlusconi dran ist und was nicht. Aber er winkte ab… da habe ich mich an Wim Wenders’ >Palermo shooting< erinnert und wollte dafür dort mal gucken gehen.
Sizilien ist im Frühling eine grüne hügelige Insel, gemächlich daliegend wie die schlafende Seeschildkröte meiner Kindertage mit einer alten Erdschicht über sich, in der man endlos graben kann… wenn einen Geschichte interessiert. Da war diese Insel Einwanderungsort für viele unternehmungslustige, kraftvolle, vom Ideal des schönen Tempels und des offenen, in eine Küstenbucht gebauten Rundtheaters geprägten antiken Griechen. Ein jahrzehntelanger Zankapfel zwischen Phöniziern und Römern war es auch. Dann kamen die Araber. Eines der Gebiete, in dem sich die berühmtesten Söldner und Schiffsbauer Europas festsetzten, die Normannen, wurde Sizilien auch. Sie stiegen zu Königen auf, vermengten die besten Traditionen der arabischen Architekten und der byzantinischen Kirchenbauer und Mosaikkünstler zu einem großartigen Mischstil, den man einmal mit dem gleichzeitigen mozarabischen Stil in Spanien vergleichen sollte.
Es kamen die Franzosen, die Katalanen, die Staufer und zerrten an dem Eiland; die Päpste zogen im Hintergrund die Fäden, wenn sie konnten.
Kurzum: Man hat den Eindruck, dass die Menschen in Sizilien so viel Fremdherrschaft über sich ergehen lassen mussten, dass sie fast schon instinktiv jeder Staatlichkeit misstrauen und die Konflikte und die Geschäfte lieber nach ihren eigenen, ziemlich patriarchalischen Regeln angehen: die Mafia, die Camorra.
Man kann sich fragen, warum die Sizilianer nicht in ähnlicher Weise wie die Basken oder auch die Katalanen Sonderrechte oder gar Halbautonomie anstreben. Stattdessen wurden sie über Jahrzehnte, wie andere süditalienische Landschaften auch, zum Armenhaus Italiens, dem man durch die >Cassa per il Mezzogiorno< aufhelfen wollte. Und nicht kontrollieren konnte, in welchen Kanälen die Gelder versacken.
Ich glaube, dass es aufgrund der schwierigen Geschichte in Sizilien, ähnlich wie in Irland, einen historischen Aderlass an Talenten von kraftvollen Persönlichkeiten gab. Das sind die Exilsizilianer, von denen die Italoamerikaner mit der Zigarre rauchenden Galionsfigur Al Capone irgendwo auf dem Deck eines  Mississippi Dampfers am bekanntesten wurden. Und in gewisser Weise am berüchtigsten. Aber wenn man in gewissen Stadtvierteln von Buenos Aires recherchierte, träfe man vermutlich auch auf eine große Anzahl von Sippen, die vor Generationen aus Sizilien auswanderten.
Die Menschen, die wir in den paar Tagen beobachteten oder mit denen wir einiges in unserem Klein-Moritz–Italienisch austauschten, wirkten gelassen, dabei aber lebhaft, wenn es an dem war. Wenn man sich nämlich nicht eins war, wurde leidenschaftlich diskutiert. Aber seltsam: Die Kontrahenten machten den Eindruck, dass sie ihre eigene Rhetorik gelassen… das es mehr ein Spiel war, in dem keiner vorhatte, den andern angespitzt in den Boden zu hauen.
Wie es heute mit den uralten Konflikten zwischen Großgrundbesitzern und Landarbeitern aussieht – dazu konnten wir in der kurzen Zeit nichts herausfinden. Aber dazu könnte man einmal in die Erzählungen von Giovanni Verga schauen, um die Grundstimmung zu schmecken.