Wahres und Träume

Hommage an eine unbekannte Volksdichterin

Die Ursel ist ne tolle Frau,
mit Mädchennamen Seltmann
– nicht,
vielmehr Seltfrau.
Den Namen hat sie längst geändert;
denn früher fragt’ man:
Na, wie geht’s, Seltfrau?
Seltfrau frau frau,
fast wie im Chor.
Das macht’ die Hunde stutzig,
die einen struppig,
and’re putzig;
auf einmal bellten los sie,
kläfften, knurrten;
die Straße lang tönt’s
Seltfrau wau, frau wau!

Es war der Wachmann Knolle,
der hatte den Kanal
mal wieder volle.
Er schwitzte, kratzt’ sich
unterm Kinn da;
als er sie rudern sah
mit Tasche, Plastiktüten,
drumrum die Wauwauhorde.
Nein, dacht’ er,
die muss man besser hüten!
Griff dienstlich zu,
packt’ Seltfrau, preßt
sie in die Minna:
Halt’ dich fest!
Seltsam ging’s zu
mit Tütatah! Die Hunde
liefen mit von fern und nah,
mit ihrer Wauwaufrau –
Eskorte dieser selt’nen einen.
Quer durch die Stadt
die Minna fuhr und fuhr,
die Hunde vorn, die Hunde hinten;
die Ursel war in guter Hut,
ringsum ertönt es: wau wau,
wau –tut tut!

Seither heißt sie
nur Ursula Seltmann,
tönt selber laut und
lässt sich streicheln
von Christen, kurz:
von lieben Menschen;
doch muss man auch
sie führen, glätten.
Bei ihrem Wesen, ihrem netten,
hätt’ sie sonst zu sehr
selbst die Hos’ an.