Max Stirner (1806-1856) – vulkanisiert und rumdum erneuert wie ein Pneu, so hättte das Max Frisch gesagt, vielleicht

Zivilgesellschaft meint eine Gesellschaft, in der die Bürger möglichst viele Lebensbereiche selber gestalten bzw. regeln; die Tätigkeit des Staates und seiner Organe begründet sich durch kein irgendwie hoheitlich begründetes (Macht-) Monopol. Zu unterscheiden ist dabei auch zwischen Legalität und Legitimität. Eine Gruppe der Vordenker der Zivilgesellschaft sind die Anarchisten.
Die Tradition des anarchistischen Denkens und der sich daraus ergebenden Praxis ist in Deutschland nur ein Rinnsaal. Die bekanntesten Namen sind Max Stirner und Erich Mühsam, dann müsste man noch Gustav Landauer und die anderen Aktivisten der Räterepublik in Berlin am Ende des Ersten Weltkriegs nennen. >Der Einzige und sein Eigentum< ist Stirners Hauptwerk. Das Buch ist im emphatischen Stil geschrieben und steckt anhand von verschiedenen Bezügen den Bezirk des einzelnen gegenüber dem Staat und dessen Zugriff ab. Es ist stellenweise schwer zu lesen.  Es erregte einen Skandal und den Ruf nach Verbot. Stirner war Philosoph und gehörte wie Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach zu den Junghegelianern. Hegel hatte ja die Lehre des objektiven Geistes herausgearbeitet, der sich im Laufe der Geschichte in dialektischen Schritten entfaltet. Irgendwann mündete Hegels Philosophie in die Verherrlichung oder jedenfalls philosophische Legitimation des preußischen Staates ein wie es schien. Dagegen lief Stirner Sturm. Er betont unermüdlich, dass der Geist (nicht ganz unähnlich wie bei Fichte) im einzelnen zu sich kommt, im Individuum und niemals in einer Institution oder gar dem Staat (mitsamt Gewaltmonopol). Der einzelne habe das Recht, sich abzugrenzen und sich den Forderungen des Kollektivs zu entziehen.
Stirners Denken stieß bei vielen Philosophen auf Ablehnung. Karl Marx hielt seine Polemik gegen ihn („Sankt Max“) zeitlebens zurück. Andere Anarchisten wie Bakunin, Kropotkin oder Proudhon übergingen ihn mit Schweigen, so dass man von einer Art von Berührungsangst ihm gegenüber sprechen kann.
>Der Einzige und sein Eigentum< geriet in Vergessenheit, zweimal gab es eine Renaissance. Heute, da der Staat in immer umfassenderer Weise in das Leben des Einzelnen eingreift, stellt sich erneut die Frage nach der Aktualität Stirners.

Nachtrag:

Wenn man Max Stirner aus seinem unmittelbaren biografischen Kontext, nämlich dem des Außenseiters unter den Hegelianern, herauslöst und in den Zusammenhang mit anderen Geistern stellt, die auf ihre Weise die Zurückgezogenheit vom und den Kampf gegen den Staat ins Zentrum ihres Denkens und Handelns stellten, so tauchen einige Namen auf:

Wilhelm von Humboldt(1767 – 1835) in seiner Jugendschrift >Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen<. Humboldt war Augenzeuge der revolutionären Umwälzungen in Paris der Großen Französischen Revolution, fand den Gewaltsausbruch abstoßend und machte Vorschläge für einen >Nachtwächterstaat<, was man heute einen schlanken Staat nennen würde.

Henry David Thoreau(1817 – 1862), die Ikone des amerikanischen Anarchismus und des zivilen Ungehorsams. Er liebte die Einsamkeit und das Leben in der Natur, schrieb das Buch >Walden< über einen Ort inmitten der Wälder von Massachusetts, wo er zweieinhalb Jahre in einer Blockhütte lebte. – Vielleicht kann man sagen, dass heute der Anthropologe, Aktivist der Occupy Wallstreet Bewegung und Kritiker des westlichen Finanzsystems David Graeber (geb. 1961) mit seinen Büchern >Kampf dem Kamikaze- Kapitalismus< und >Schulden. Die ersten 5000 Jahre< in dieser Tradition steht. Denn Thoreau hatte nicht nur zum zivilen Ungehorsam, sondern auch zum Steuerboykott aufgerufen.

Pjotr Alexejewitsch Kropotikin (1842 -1921), russischer Revolutionär und Geograph. Er liebte das Leben in der Natur, lebte lange in Sibirien und schrieb das Buch >Über die gegenseitige Liebe zwischen Tieren und Menschen<, das auf einer großen Anzahl eigener Beobachtungen beruht.

Man könnte sagen, dass die Anarchisten in ihrem Denken und in ihrer Lebenspraxis die Frage nach dem Wesen der Natur und dem Wesen des Staates auf eine erfrischende Weise anders stellen. Die darunter liegende Frage ist die nach dem Wesen des Menschen in der Spannung von Körper – Seele, Geist. Wenn man, wie John Locke ( > 2 Treatises on Government<) der Meinung ist, dass sich eine Gruppe von Menschen – auch ohne Staat – die adäquaten Regeln für ein soziales Zusammenleben geben und sich nicht tendenziell bekämpfen und umbringen wird, dann hat das mit einem optimistischen Menschenbild zu tun. Locke war kein Idealist oder Traditionalist, sondern bildete seine Auffassungen aufgrund der Erfahrung der tiefgehenden politischen und sozialen Umwälzungen seinerzeit in der >Glorious Revolution<.

Es wäre wichtig, im Geist all dieser Männer neue kleine Gemeinschaften zu bilden. In ihnen könnten Menschen wieder mehr ihr gesamtes Potenzial entfalten und in ihrem Leben das Zukunftspotenzial ausgetragener Konflikte bergen. Auf der Folie der repräsentativen Demokratie und vernünftiger Verfassungen leben wir heute praktisch in einer postdemokratischen Gesellschaft, wie der Umgang mit der nie beendeten Finanzkrise zeigt. Dabei spielen sich Grossbanken und Regierungen in chaotischer Weise auf Kosten der Bevölkerung die Bälle zu. Der Kern des Problems ist vielleicht die Suche nach Lebenskontexten, in denen die egoistischen und altruistischen Triebe des Menschen in die jeweils angemessene Balance kommen und der Wachstumswahn als Grundlage staatlichen Handelns nicht mehr weiter wuchert… Vow!