Die neue Kultur von unten

Vorgestern saßen wir zum ersten Mal zu einem Offenen Mittwochabend-Gespräch in der Mainzer7 zusammen. Philosophie für jedermann, so hatte der Initiator Hernán Silva-Santisteban es genannt, und wir waren trotz aller Inserate und Handzettel doch nur acht. Aber es genügte, wie sich zeigte.

Es genügte? Wie das denn? Da waren keine TV- Therapeuten, keine Talkshow – Promis unter uns, nicht mal irgend so ein Urgestein aus Politik oder Showbusiness…

Hernán stellte sich hin, erklärte, was der brasilianische Volkspädagoge Paulo Freire mit seiner Pädagogik der Befreiung unter den indianischen Analphabeten in den Anden ausgelöst hat.

Was war das Thema des Abends? Wahrnehmung… an der Tafel stand dann Wahr-nehmung. Dazu stellten wir An-schauung, Vor-stellung, Empfindung, Be-obachtung – kurz: Es entstand ein Cluster, das begrifflich aus den Lebenserfahrungen und Sichtweisen von uns acht entstand.

Ich muss wieder daran denken, was Hegel sagt: Der Geist entwickelt sich in dialektischen Widersprüchen! Es war begeisternd: Eine solche Dichte entstand, weil wir auf einmal alle Laienphilosophen waren. Aber praktische Philosophen, die sich hinter keiner Theorie versteckten. Wir waren denkerisch und empfindungsmäßig die Herren unseres Lebens! Man könnte auch, in Anlehnung an philosophische Debatten sagen: Die Substanz, die Welt, der Geist – das alles ist nicht schon da, da draußen, und wir finden es nur vor. Nein, wir bringen es in unserm Tun – denkend, fühlend, willentlich – hervor. Die Welt würde in ihrer Geistigkeit erkalten, wenn wir uns nicht aufraffen. Und vorgestern Abend haben wir uns aufgerafft. Und es ging irgendwann nicht mehr darum, dass es jemand besser weiß, sondern um das gemeinsame Hervorbringen. Wir saßen da an einem imaginären Webstuhl, und immer kümmerte sich jemand anders um das Schiffchen, die Kette oder den Kamm. Damit das Gewebe weiter wuchs und damit der Sinn unseres Lebens jenseits der alltäglichen Besorgungen deutlicher wird.

Hernán, der ja mit der Methode von Freire in peruanischen Dörfern gearbeitet hat, sagte zu unserer Überraschung, unsere Diskussion sei in nicht viel anders gewesen als die der Indios. Also kommt es, unabhängig von der Kultur, für die Befreiung darauf an, dass man sich von festgefahrenen Vorstellungen im Stile von Es war immer schon so oder Die da oben haben immer schon löst.

Ja, als Literat habe ich sogar an jene Gruppe von Männern und Frauen aus Florenz gedacht, die etwa um 1350 vor der Pest aufs Land flohen, aßen und tranken und sich Geschichten erzählten. Und aus der Feder von Giovanni Boccaccio wurde daraus Das Decamerone, Das Zehn-Tagewerk.

Wir werden alle 14 Tage, immer mittwochs um 19 Uhr, weiterweben…