Gibt es ein gutes Leben im falschen?

Das gute Leben ist das Grundthema jeglicher Ethik. Es geht dabei darum, welche Werte ich wähle und wie ich danach mein Handeln einrichte. Für den Ethiker gibt es kein falsches Leben, nur ein schlechtes – eins im Wertewirrwarr…
Heute, im globalisierten Neoliberalismus, gilt es, sich zu fragen, was ich wirklich brauche und was nicht. Der ungebremste Wachstumswahn sieht den Menschen nur als Produzenten oder Konsumenten – nicht aber als Person.
Das Gemurkse der etablierten Politik in der Finanzkrise als solches zu durchschauen, ist wichtig. Und öffentlich dagegen zu protestieren, wenn es dran ist.
Beharrlich, auch über Niederlagen, abzuspüren , wo die eigenen Fähigkeiten liegen. Und die Grenzen. Das persönliche Potenzial unabhängig von aller Professionalität. Dass es darauf ankommt, sich in Freundschaft und Liebe zu akzeptieren. Um die Sicherheit in einer unverbrüchlichen Lebenswelt geht es.
Und schließlich: Was zum guten Leben neben einem Stück Aufsässigkeit und Selbstdistanz gehört: Vertrauen. Erik H. Erikson nennt es Urvertrauen.

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Dass es immer wieder das Nadelöhr gibt im Leben, durch das man sich hindurchzwängt, weil man sonst abgehängt wird, wie man glaubt; dass es Krankheit, Unglück, ja auch Tragik gibt und man auf keinen grünen Zweig kommt, all das wird in der gleissnerischen Selbstdarstellung des Turbokapitalismus verschwiegen und verdeckt. Es ist die Falschheit im System, die an der Oberfläche so tut, als ginge es vor allem um die Entwicklung der Menschen, solange sie sich nur anstrengen. Wo es doch im Grunde genommen um Einpassung in ein ökonomisches System geht, das auf ständiges Wachstum und Profitmaximierung ausgerichtet ist. Dass es Konjunkturkrisen gibt, bei denen mit einem Schlag Menschen trotz ihrer jahrelangen Arbeitsleistung gekündigt werden. Man fasst das in dem alten Spruch zusammen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es wird davon ausgegangen, dass der Faktor Arbeit flexibel sein sollte. Menschen haben aber Biografien und die Tendenz, sich in Lebenswelten einzubetten. Die sind nicht beliebig erneuer- und austauschbar wie Produktionsprozesse. Es kommt ja nicht auf das Spektakuläre, auf Herzeigbares an, um ein gutes Leben zu führen, sondern in der Lebenspraxis auf eine vernünftige und begründbare Distanz zu öffentlich propagierten Werten, die wegen ihrer Tendenz zum juste milieu, wie Gustave Flaubert es genannt hat, zu den grauen Mäusen führen. Diese öffentlich propagierten Werte lassen nicht genug Freiraum und Fantasie für eine individuelle Lebensgestaltung.
Das gute Leben im falschen System ist nicht friedlich und unauffällig. Es lebt sich immer mal wieder rebellisch und aufwallend. Das hat man z.B. in Gorleben und bei den Castortransporten sehen können. Aber, wie Hannah Arendt in Vita activa dargestellt und auch Erich Fromm in Haben oder Sein überzeugend ausgeführt hat, geht es beim guten Leben nicht um äußeren Aktionismus oder um das Suhlen im Materiellen, sondern auch um ein Moment der Beschaulichkeit, vielleicht der Kontemplation. Das riecht nicht nach mittelalterlichen Kreuzgängen oder Mönchskutten, sondern nach der jeweils individuell angemessenen und immer wieder neu zu gewinnenden Balance zwischen äußerer Notwendigkeit und innerem Bedürfnis.
Kurzum: Das gute Leben ist immer möglich. Doch ist es verborgen und hängt auch mit unscheinbaren Dingen, mit so etwas wie einem lyrischen Alltagsgefühl zusammen. Wie Kurt Schwitters es so leicht in seinem Gedicht an Anna Blume ausgedrückt hat: Anna Blume, ich liebe dir!
Wahrscheinlich gibt es kein gutes Leben, wenn man keine Utopie in sich trägt. Das 1989 mit einer gewissen Häme konstatierte Ende der Utopie ist philisterhaft. Denn die Frage nach der gerechteren Gesellschaft stellt sich immer. Sie ist das Hauptthema im Werk von John Rawls.
Freiräume für ein gutes Leben sind, zusätzlich zu der inneren Bewegung, wie sie Hannah Arendt und Erich Fromm vorschwebte, von Psychologen der verschiedenen Schulen und von Körpertherapeuten geöffnet worden. In ihnen kann man sich in seinem Potenzial, das vielleicht bisher teilweise verdeckt war, neu entdecken. Man kann überhaupt lernen, etwas an sich, seinem Körper zu spüren – jenseits von Gymnastik und Fitnesstraining. Man kann überhaupt wieder lernen, sich innerlich und äußerlich freier zu bewegen, wie auch immer die sozialen und politischen Kontexte sein mögen. Im Unterschied zur beruflichen Performance, der herzeigbaren und in Münze umsetzbaren beruflichen Leistung, ist das die künstlerische Performance, die sich im Laufe der Zeit in vielfältiger Form aus Happening und der body art entwickelt hat. Das gute, das bessere Leben ist das, in dem man sich und seine Mitwelt jenseits erstarrter Rollen und Etikettierungen wieder frisch zu erleben lernt. Man kann das zu Texten oder Szenen ausbauen, dann ist es Improvisationstheater. Stets findet man dabei den Raum und die Gegenstände in ihm nicht bloß äußerlich vor, sondern erschließt sie für sich. Ist in ihm drin. Als Person.