Seminarreihe über das Fühlen gestartet

Seminarreihe über das Fühlen gestartet – kein Fehlstart!

Wir waren am vergangenen Wochenende 14 Leute und haben uns nach dem einleitenden Vortrag von Evrim Kutlu (jemand, der auch da war, bezeichnete sie später etwas flapsig als >Hohepriesterin der Scheler’schen Philosophie<…) über Person – Wert – Liebe und Erkenntnis bei Max Scheler intensiv und auch kontrovers über die Bedeutung der Gefühle im Erkenntnisprozess ausgetauscht. Ich fand, dass wir im besten Sinne an die Tradition der sokratischen Dialoge angeschlossen haben – dass wir mit der uns möglichen Präsenz im Moment zu Einsichten kamen und nicht bloß abgepackte Wissensbestände als intellektuelle Trophäen gegeneinander hielten…

Der zu Unrecht hierzulande heute weitgehend vergessene Max Scheler führt aus, dass nicht nur Handlungen Intentionalität besitzen (wie bei Husserl), sondern auch Gefühle. Diese zielgerichteten Gefühle unterscheidet er von Gefühlszuständen, die mehr oder weniger mit Affekten identisch sind.
Ganz im Unterschied zum Hauptstrom der westlichen Erkenntnistheorie, die stets von der Distanz zwischen Subjekt und Objekt ausgeht, ist es für Scheler die Liebe, die mit dem Gegenstand der Erkenntnis verschmelzen will, die zur wahren Erkenntnis führt. Liebe, sagt Scheler, erweitert; Haas engt ein.
Scheler kennt eine Hierarchie der Gefühle, die bei den vitalen Gefühlen beginnt und schließlich bei den geistigen Gefühlen ihre höchste Stufe erreicht.
Es war keine leichte Kost, den Begriffen Schelers zu folgen. Er charakterisiert in seiner letzten Schrift >Die Stellung des Menschen im Kosmos< den Menschen im Unterschied zu Stein, Pflanze und Tier als mit Geist behaftet und damit aus der Evolution herausfallend. Das ist nur der letzte Schritt in der Entfaltung seines Denkens, die immer auf die subjektive Erfassung von Werten in konkreten Akten hinaus will. In seiner bekanntesten Schrift >Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik< hatte er bereits gegenüber Kant mit seiner prinzipiellen, auf die Vernunft gegründeten formalen Ethik eine Wende vollzogen: dass wir Werte stets konkret gefühlsmäßig (heute würde man vielleicht sagen: kontextgebunden) erleben.
Ich denke, dass in Max Schelers Auffassung von intentionalen Gefühlen eine positive Sprengkraft enthalten ist. Es genügt nicht, um das mal so zu sagen, nur bei Grün über die Ampel zu fahren oder die Steuererklärung korrekt auszufüllen usw., ganz abgesehen von den richtigen Abschlüssen und Berufsausbildungen, um bei so etwas wie dem guten Leben auszukommen… Wichtig ist, dass Personen sich für subjektive Werterlebnisse öffnen und die Werte des andern erleben wollen – ohne die logische Reduktion auf >wahr< oder >falsch<. Vielleicht kann man auch folgendes behaupten: Bei unseren intensiven Diskussionen, unseren gemeinsamen Essen haben wir für uns den Satz des berühmten Skeptikers David Hume aufgehoben: „Der reine Philosoph ist eine Person, die der Welt meist nicht genehm ist, weil er angeblich weder zum Nutzen noch zum Vergnügen der Gesellschaft irgend beiträgt“ (aus: An Enquiry concerning Human Understanding)