Afrika in der Ankerklause

20.01.08
Thomas Maurenbrecher

Afrika in der Ankerklause

Sich umringende junge Gestalten, sprechend, gestikulierend, sich berührend, küssend. Tanzend, tanzend. Die Ankerklause, die so etwas wie ein Treffpunkt der jungen Szene von Neukölln und Kreuzberg ist, an der Ecke Kottbusser Damm und Maybachufer, steckt voller Menschen, brodelt. Die Biergläser sind in der Hand, stehen auf der Thekenbrüstung, auf den Tischen. Fuselgeruch im Raum, aber kein Zigarettenqualm mehr, das darf nicht mehr sein seit kurzem. Dafür geht man jetzt auf eine raus, auf den Balkon. Glimmende Augen, verhangene Augen, fast immer schlanke glatte Körper, fetzig aufgetakelt oder in abgewetzten Klamotten steckend. Stolz die Haltung vieler hier, die entschlossen nach ihrem Weg suchen, koste es was es wolle. Die drei hinter der Theke, zwei Männer und eine Frau, eigenwillig und wieder weich, der eine Kerl hat eine Baskenmütze auf wie ein selbst gestrickter Barde. Schnell sind die Griffe, eingeübt, wenn sie zapfen oder einschenken.

Erst allmählich merke ich, dass es rings um mich wogt, da wo ich mit meinem Alsterglas an der Thekenecke stehe. Oder es wogt um die Jukebox herum, aus der immer wieder ein anderer Rock- oder Pophit dringt, plärrt, hämmert. Aber nur, wenn einer was reinsteckt. Laut ist diese Musik, durchdringend, aufreizend. Die kleine Spanierin mit den halblangen schwarzen glatten Haaren neben mir fällt allmählich in einen ausgeprägteren Tanzrythmus, sie ist ein bisschen eine Tänzerin wie es scheint. Schlangenartig ihr Körper auf einmal, sie wiegt sich in den Hüften. Die Arme bewegt sie mit großen schweifenden Gesten, alles dann wieder nur angedeutet, aufbrechend. Es ist so ein Gemenge zwischen sprechen, sich in die Augen schauen, sich mit dem Körper an den Rhythmus hingeben. Nur sein, das ist es, nicht irgendein „Kuck mal hier!“. Zusammen sein. Ich falle auch in den schwingenden oder stampfenden Rhythmus: Wirbelsäule, Hüfte, Arme… párampadon…tabadám…

Und da schießt wieder das Bild von damals hoch, aus einem Homeland in Südafrika, es zieht mich hinein. Armseliges Stück Land, gut genug für die Schwarzen, ein paar Hütten aus Holz zusammengenagelt, mit Wellblechdächern. Xhosa wohnen dort, amtlich abgestempelt und etikettiert als Xhosa. Oder als Sotho, als Swana. Alle die, die aus der Sicht der Buren nicht zu den Afrikaaners gehören, niemals eine Wagenburg gebildet haben. Weg mit ihnen in die Halbsteppe.
von der Tür. Ich sehe: Da tanzt eine Schwarze, von traditionellen Tüchern umwickelt, n icht
Das ist ein Sonntagmorgen, war ein Sonntagmorgen damals, makellos, die heftige Sonne über dem Kap. Die vollkommene Stille war schon nicht mehr vollkommen, als ich meine Ohren richtig aufmachte. In der Ferne hörte ich einen leisen schlagenden Rhythmus. Der klang so, als ob es schon die ganze Nacht so gegangen wäre, ein übrig gebliebener Rhythmus. Ich konnte nicht widerstehen, ging in die Richtung dieses Pochens und Dröhnens, ließ mich den ganzen Weg lang immer mehr da hineinfallen, wiegte mich. Langsam, unendlich langsam wurde das Pochen lauter, bald hatte ich erreicht, wo es herkam. Da stand eine unscheinbare Hütte, die Türe halb offen. Ich gehe hinein, das Morgenlicht dringt nur dürftig herein, eigentlich ist da nur die Lichtschneise mehr ganz jung, wiegt sie sich, zuckt, die Arme entgleiten auch ihr, tanzt sie da, es tanzt. Schweißüberströmt ist sie, macht nichts, der Gott des Tanzes, vielleicht ursprünglich aus Yorubaland, aus der Sahelzone, aus den Drakensbergen ist er heruntergestiegen, ist jetzt in ihr. Sie hat die Augen geschlossen, der Gesichtsausdruck wirkt wie entrückt, den Mund hat sie ein wenig geöffnet. Ein Schrei gleich, ein Entzückensschrei? Nein, nichts, nur ihr Keuchen, sie stößt den Atem hervor. Und der Mann am Rand in der Hocke, trommelnd, pochend mit seinen schon faltigen Händen. Das Scharren ihrer nackten Füße auf dem gestampften Lehm. Makubele, du bist in deinem seligen Phantasma. Deine Augen wirken jetzt wie eingerollt, Trancekörper. Das Pochen, das Stampfen verkörpert sich in beiden, dem Mann und der Frau, nkosi sikalel’i Afrika.

Afrika, Afrika… ich vergehe im Gedanken an deine zerzausten Affenbrotbäume, an die Küste bei Kapstadt in ihrer wilden Schönheit, die mir den Atem verschlug,
du, Afrika mit den Benzinkanistern auf den Köpfen junger Frauen. Eine davon, die sich vor der Wellblechhütte wäscht, ich sehe sie durch die Ritze, zu Gast bin ich, nackt, sie wäscht sich dort an einer großen Benzintonne, trocknet sich ab, zieht plötzlich von irgendwoher einen Cremetopf hervor, bestreicht sich von oben bis unten, vor allem an den Beinen bis in die Kniekehlen, bückt sich, streckt sich dem Licht entgegen, dies Urbild von Unbekümmertheit, animalisch fast. Aber diese Mir-nichts-dir-nichts-Frau ist kein animal triste, war es noch nie. Ihre letzten Vorbereitungen sind das – für den Weg, den sie zu Fuß zur Arbeit gehen muss.

Aber das war am Vortag. Hier, in der dumpfen Hütte, sah ich so etwas wie eine Séance, ein Untertauchen in das Pulsierende, das aus dem festgetretenen Lehm aufsteigt, die Luft durchflirrt, in das Blut geht, aus ihm hervorquillt, das Sich-Wiegen, das Gewoge. Beide sind irgendwie darin versunken, der alte Mann in der Hocke, es trommelt aus ihm, sein Bauch und der der Trommel sind eins, sie sind irgendwohin abgedriftet. Strömen ins let it go: auf und ab, zur Seite, in die Runde, die Krümmung, ein bisschen in sich zusammenfallen, scharren, auf der Stelle, sich drehen, ausströmen in dieses düstere Graubraun des Hütteninnern, der Ankerklause, der hölzernen Klause am Kanal, umhüllt vom Azurblau eines makellosen Himmels. Südlich der Kalahari, nördlich vom Kap der guten Hoffnung, westlich von Maputo, östlich von Windhuk. Die andere Sonne, kaum über den Kreuzberg hinausgekommen in ihrem flachen Bogen. Den Kreuzberg,, auf dem immer noch die zerbrochenen Flaschen herumliegen, die Stöcke und Pappen von den Miniraketen aus der Silvesternacht, dieser erlaubten Orgie. Hier, an der Kreuzung von Kottbusser Damm und Maybachufer, nicht weit weg vom Drogenbazar des Kottbusser Tors, die Terrasse über dem Landwehrkanal vorkragend. Über dem schmalen Band aus schmutzigem Wasser, das Tag und Nacht die Schwäne im Pulk durchstromern. Afrika bricht hier ein, durch die Untergründe. Der Alte mit der Trommel und die Alte in Trance sind in der Jukebox verschwunden, stöhnen und schwitzen nicht mehr. Nein, hier plärren und schreien Rock und Pop aus den erlaubten Enklaven der Wildheit, die uns die Freaks und die vernarrten Rhythmusenthusiasten von diesseits und jenseits des Atlantik servieren. Als Balsam auf unsere Technikbesessenheit.

Praise God, praise the Lord. Take it, brother Satchmo! Das kommt aus einer schlichten Frömmigkeit ebenso wie aus anderen Enklaven der Wildheit und der Spielfreude, mit Waschbrett, Banjo und gestopfter Trompete und ich weiß nicht was. Bix Beiderbecke und Jelly Roll Morton, aus den Honkytonks kommt es, die ebenfalls düster und klein waren, den Enklaven der Expressivität, die sich die Schwarzen im Süden der USA erschlossen, abends, nachdem sie auf den Baumwollfeldern geschuftet hatten: im New Orleans, Ragtime, Boogie Woogie und Dixieland. Aber egal, hier sind es Rock und Pop, die wuchern, in den ungebändigten Kiezen von Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain, wo es sowieso wuchert. Praise the Lord!

Das junge Volk in der Ankerklause strömt hierhin, instinktiv, mit den Freunden, dem lover, dem honeysuckle. Sie alle äsen im Rhythmus, im afrikanischen Urelement, lassen alles los oder doch das meiste, geben sich hin. Von außen fällt sie kaum auf, die Ankerklause, sie ist düster, man übersieht sie leicht. Afrika vor der Haustür, schräg gegenüber vom Orient: dem einzigen türkischen Kaufhaus Europas.

Gibt es ein gutes Leben im falschen?

Das gute Leben ist das Grundthema jeglicher Ethik. Es geht dabei darum, welche Werte ich wähle und wie ich danach mein Handeln einrichte. Für den Ethiker gibt es kein falsches Leben, nur ein schlechtes – eins im Wertewirrwarr…
Heute, im globalisierten Neoliberalismus, gilt es, sich zu fragen, was ich wirklich brauche und was nicht. Der ungebremste Wachstumswahn sieht den Menschen nur als Produzenten oder Konsumenten – nicht aber als Person.
Das Gemurkse der etablierten Politik in der Finanzkrise als solches zu durchschauen, ist wichtig. Und öffentlich dagegen zu protestieren, wenn es dran ist.
Beharrlich, auch über Niederlagen, abzuspüren , wo die eigenen Fähigkeiten liegen. Und die Grenzen. Das persönliche Potenzial unabhängig von aller Professionalität. Dass es darauf ankommt, sich in Freundschaft und Liebe zu akzeptieren. Um die Sicherheit in einer unverbrüchlichen Lebenswelt geht es.
Und schließlich: Was zum guten Leben neben einem Stück Aufsässigkeit und Selbstdistanz gehört: Vertrauen. Erik H. Erikson nennt es Urvertrauen.

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Dass es immer wieder das Nadelöhr gibt im Leben, durch das man sich hindurchzwängt, weil man sonst abgehängt wird, wie man glaubt; dass es Krankheit, Unglück, ja auch Tragik gibt und man auf keinen grünen Zweig kommt, all das wird in der gleissnerischen Selbstdarstellung des Turbokapitalismus verschwiegen und verdeckt. Es ist die Falschheit im System, die an der Oberfläche so tut, als ginge es vor allem um die Entwicklung der Menschen, solange sie sich nur anstrengen. Wo es doch im Grunde genommen um Einpassung in ein ökonomisches System geht, das auf ständiges Wachstum und Profitmaximierung ausgerichtet ist. Dass es Konjunkturkrisen gibt, bei denen mit einem Schlag Menschen trotz ihrer jahrelangen Arbeitsleistung gekündigt werden. Man fasst das in dem alten Spruch zusammen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es wird davon ausgegangen, dass der Faktor Arbeit flexibel sein sollte. Menschen haben aber Biografien und die Tendenz, sich in Lebenswelten einzubetten. Die sind nicht beliebig erneuer- und austauschbar wie Produktionsprozesse. Es kommt ja nicht auf das Spektakuläre, auf Herzeigbares an, um ein gutes Leben zu führen, sondern in der Lebenspraxis auf eine vernünftige und begründbare Distanz zu öffentlich propagierten Werten, die wegen ihrer Tendenz zum juste milieu, wie Gustave Flaubert es genannt hat, zu den grauen Mäusen führen. Diese öffentlich propagierten Werte lassen nicht genug Freiraum und Fantasie für eine individuelle Lebensgestaltung.
Das gute Leben im falschen System ist nicht friedlich und unauffällig. Es lebt sich immer mal wieder rebellisch und aufwallend. Das hat man z.B. in Gorleben und bei den Castortransporten sehen können. Aber, wie Hannah Arendt in Vita activa dargestellt und auch Erich Fromm in Haben oder Sein überzeugend ausgeführt hat, geht es beim guten Leben nicht um äußeren Aktionismus oder um das Suhlen im Materiellen, sondern auch um ein Moment der Beschaulichkeit, vielleicht der Kontemplation. Das riecht nicht nach mittelalterlichen Kreuzgängen oder Mönchskutten, sondern nach der jeweils individuell angemessenen und immer wieder neu zu gewinnenden Balance zwischen äußerer Notwendigkeit und innerem Bedürfnis.
Kurzum: Das gute Leben ist immer möglich. Doch ist es verborgen und hängt auch mit unscheinbaren Dingen, mit so etwas wie einem lyrischen Alltagsgefühl zusammen. Wie Kurt Schwitters es so leicht in seinem Gedicht an Anna Blume ausgedrückt hat: Anna Blume, ich liebe dir!
Wahrscheinlich gibt es kein gutes Leben, wenn man keine Utopie in sich trägt. Das 1989 mit einer gewissen Häme konstatierte Ende der Utopie ist philisterhaft. Denn die Frage nach der gerechteren Gesellschaft stellt sich immer. Sie ist das Hauptthema im Werk von John Rawls.
Freiräume für ein gutes Leben sind, zusätzlich zu der inneren Bewegung, wie sie Hannah Arendt und Erich Fromm vorschwebte, von Psychologen der verschiedenen Schulen und von Körpertherapeuten geöffnet worden. In ihnen kann man sich in seinem Potenzial, das vielleicht bisher teilweise verdeckt war, neu entdecken. Man kann überhaupt lernen, etwas an sich, seinem Körper zu spüren – jenseits von Gymnastik und Fitnesstraining. Man kann überhaupt wieder lernen, sich innerlich und äußerlich freier zu bewegen, wie auch immer die sozialen und politischen Kontexte sein mögen. Im Unterschied zur beruflichen Performance, der herzeigbaren und in Münze umsetzbaren beruflichen Leistung, ist das die künstlerische Performance, die sich im Laufe der Zeit in vielfältiger Form aus Happening und der body art entwickelt hat. Das gute, das bessere Leben ist das, in dem man sich und seine Mitwelt jenseits erstarrter Rollen und Etikettierungen wieder frisch zu erleben lernt. Man kann das zu Texten oder Szenen ausbauen, dann ist es Improvisationstheater. Stets findet man dabei den Raum und die Gegenstände in ihm nicht bloß äußerlich vor, sondern erschließt sie für sich. Ist in ihm drin. Als Person.

Wahres und Träume

Hommage an eine unbekannte Volksdichterin

Die Ursel ist ne tolle Frau,
mit Mädchennamen Seltmann
– nicht,
vielmehr Seltfrau.
Den Namen hat sie längst geändert;
denn früher fragt’ man:
Na, wie geht’s, Seltfrau?
Seltfrau frau frau,
fast wie im Chor.
Das macht’ die Hunde stutzig,
die einen struppig,
and’re putzig;
auf einmal bellten los sie,
kläfften, knurrten;
die Straße lang tönt’s
Seltfrau wau, frau wau!

Es war der Wachmann Knolle,
der hatte den Kanal
mal wieder volle.
Er schwitzte, kratzt’ sich
unterm Kinn da;
als er sie rudern sah
mit Tasche, Plastiktüten,
drumrum die Wauwauhorde.
Nein, dacht’ er,
die muss man besser hüten!
Griff dienstlich zu,
packt’ Seltfrau, preßt
sie in die Minna:
Halt’ dich fest!
Seltsam ging’s zu
mit Tütatah! Die Hunde
liefen mit von fern und nah,
mit ihrer Wauwaufrau –
Eskorte dieser selt’nen einen.
Quer durch die Stadt
die Minna fuhr und fuhr,
die Hunde vorn, die Hunde hinten;
die Ursel war in guter Hut,
ringsum ertönt es: wau wau,
wau –tut tut!

Seither heißt sie
nur Ursula Seltmann,
tönt selber laut und
lässt sich streicheln
von Christen, kurz:
von lieben Menschen;
doch muss man auch
sie führen, glätten.
Bei ihrem Wesen, ihrem netten,
hätt’ sie sonst zu sehr
selbst die Hos’ an.

Der Völkermord an den Armeniern

Thomas Maurenbrecher

Der Völkermord an den Armeniern und Wilhelm II.

Die Haltung des offiziellen wilhelminischen Kaiserreiches zu den Gräueltaten war wegschauen und totschweigen, obwohl Diplomaten vor Ort Berichte nach Berlin schickten. Die Ursachen für diese schmähliche Haltung, unter Ausblendung der Menschenrechte als essentials liegen in eigenen wirtschaftlichen Interessen und der Position des Kaiserreichs als eine der Beratermächte, in dem Fall als Militärberaer. Das kann man durch eine kleine erfundene Szene im Berliner Stadtschloss deutlich machen.

Wilhelm II, erwacht nachmittags im Eckzimmer, 2. Stock, Stadtschloss.
Huch! Was war das, ach du da oben mit deinem Bss…
Adjutant!
Majestät, womit kann ich dienen?
Gibt es Fliegenklatschen?
Ich fürchte nicht, Majestät.
Sie fürchten? Sagen Sie stante pede zwei Schachteln mit Fliegenklatschen. Wenn mich nicht alles täuscht, sind die ägyptischen besten, hat mal die Frau des Khediven ihrer Majestät erzählt, französische Hugenotten in Ägypten machen das, ist ja klar.
Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, Majestät.
Tun Sie das gefälligst!
Der Kaiser langweilt sich, wie darüber zu den 53 Kleiderschränken. Richtig, im 34. sind die Helme, er hatte ein kleines Bändchen am Schlüssel anbringen lassen. Es tut so gut diese Reichsadler auf den Helmen, geputztes Messing, wenn sich die Adler von den römischen Standarten auf seinem Kopfputz wieder eingefunden hätten.
Wenn wir dann demnächst endlich in Bagdad fertig sind, komme ich und trage einen von euch auf den Kopf, es wird schimmern! Er berührt sie fast zärtlich mit den Fingern der rechten Hand. Bei der Eröffnung der Bagdadbahn werde ich mit dir oder mit dir auf den Kopf, er tätschelt sie, da stehen, wo die Gleise zu Ende gehen. Und es wird so aussehen, als ab ihr mit den Flügeln schlagt und los fliegt, die Gleise entlang, unermüdlich, bis ihr wieder auf dem Alexanderplatz auskommt, wie kaiserliche Brieftauben. Er hebt den Kopf, schaut in Richtung auf den Dom, wo seine Vorfahren liegen, ein erhabener Augenblick.
Ergibt sich einen Ruck
Es geht ja zügig voran, zweimal die Woche die Telegramme von Borsig. Und noch öfter von Krupp, Stahl kochen in den Thomasbirnen für die Abertausend Schienen zwischen Europa und dem Orient. Bagdad heimholen, Wiege der Menschheit
Manchmal kommt da noch was von unserem Konsul in Bagdad. Wirr werden Ehre einlegen.
Es klopft.
Herein!
Der Adjutant, keuchend. Hält verschiedene Fliegensklatschen in der Hand.
Schön, dann machen Sie mal. Am besten rufen Sie doch jemanden. Ich schlage vor, Sie teilen sich das Terrain im Zimmer ein, ja?
Wird gemacht.
Dann haben Sie hier auch ein Exerzierfeld, das kann nie schaden. Er lacht kurz.
Weder klappt der Adjutant die Hacken zusammen, dann raus.
Die beiden führenden Befehle aus, versuchen, den Herrscher nicht zu stören, wenn sie auf der Fliegenpirsch sind.
Es klopft wieder, ein anderer Adjutant mit einer Depesche erscheint.
Was gibt’s, Oberleutnant?
Mir ist eine weitere Eingabe von Herrn Lepsius aus dem türkischen Kleinasien,, Malatya heißt der Ort.
Und was hat er diesmal?
Es wird immer schlimmer, wie man mit den Armenien umgeht, das sei jetzt schon Völkermord. Das deutsche Kaiserreich müsse etwas tun sich auch, die Weltöffentlichkeit informieren.
Warum denn gerade wir, frage ich sie. Was soll denn Diplomaten als in anderen europäischen Ländern, sind die denn blind?
Ich habe hier diese Nachricht zu überbringen, das ist mein Auftrag.
Wilhelm II. geht umher, zwirbelt an seinem Schnurrbart.
Ich will Ihnen etwas sagen, Oberleutnant. Als es da in Südwest losging, musste auch eingeschritten werden. Was glaubten denn die Hereros, wer sie sind? Lettow-Vorbeck hat das damals glänzend besorgt, da wussten die Buschmänner, wo sie dran sind mit ihren seltsamen Schnalzlauten. Ist doch keine Sprache, ich bitte Sie!
Aber wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, die Armenier sind 1:00 Uhr altes Kulturvolk. Christen sind sie zumal!
Muss ich Ihnen das sagen, dass es Rassenunterschiede gibt? Würden Sie gerne eine Häuptlingstochter aus dem Volk der Zulus zum Altar führen?
Der Oberleutnant hält sich bedeckt.
Wenn Sie der dann vor dem Altar das Jawort geben würden, ist es ja gar nicht, ob schwarze Flecken auf Ihrer Hand bleiben.
Der Oberleutnant scheint aus dem Augenwinkel schafft es, im passenden Moment auch zu lachen.
Was könnte man denn machen, um diesen verrückt gewordenen Jungtürken – die Namen kann ich mir nie merken – in den Arm zu greifen? Mit dem U-Boot durch den Bosporus ins Mittelmeer, an der türkischen Südküste auftauchen, ein neuer Panthersprung? Der kranke Mann am Bosporus ist schließlich nicht Marokko! Vielleicht sollte eine Blitzkonferenz wie 1878 in Berlin her, als der Alte vom Sachsenwald für ganz Europa das Heft in die Hand nahm. Wo in der Sahelzone oder sonst wo eine Grenze zu ziehen ist Aber wir haben keinen wie den mehr, nur noch die Lineale und Karten, noch müssen eben kleinere Brötchen backen.
Der Engländer und Franzosen könnten auch die Initiative ergreifen.
Da haben Sie vollkommen recht, junger Mann. Es gibt irgendwo Grenzen ich habe auch Verpflichtungen gegenüber der Deutschen Industrie. Borsig hat mit der Bagdadbahn über viele Jahre die Auftragsbücher voll, und das hat eine Signalwirkung.
Darf ich fragen, ob ich eine Antwort an Herrn Lepsius überbringen soll?
Lassen Sie mich überlegen… Nein, ich glaube nicht. Tut mir leid.
Darf ich gehen?
Ja, sofort, Ihre Majestät und ich werden übermorgen wieder nach Korfu fahren, ein wenig ausspannen.

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