Offene Gesprächsabende mit Hernan Silva – Philosophie für jedermann (Hauptgedanken)

ARBEITSKREIS FÜR PARTIZIPATIVEN DIALOG – „MAINZER 7“
(praktische Philosophie für Jedermann)

Hernán Silva-Santisteban Larco

„Der Mensch ist zu Humanisierung berufen“
Paulo Freire

Die Hauptgedanken

Erster Hauptgedanke: Einheit von Denken und Handeln

Der Mensch existiert nicht isoliert, er ist auf ein Du angewiesen und er ist auf seine Umwelt gerichtet (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.117f). Mensch und Welt stehen in einem Wechselwirkungsverhältnis und beide sind so miteinander verwoben, dass sie niemals voneinander abgespaltet werden können (Bernhard, S. 181). Andererseits, der Mensch ist nicht endgültig und für immer festgelegt, vielmehr tendiert er dazu, in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, seine Lebensbedingungen zu überschreiten und neue Möglichkeiten zu erproben (ebd., S.180). Der Mensch kann nicht anders, als zu handeln und durch sein Handeln sich selbst und die Welt umzuformen (Figueroa, S.33): der Mensch ist ein dauerhafter Entwurf von sich selbst in der Welt, er hat Willen zur Gestaltung. In dieser Hinsicht, in dem der Mensch nicht isoliert existiert, kann es auch kein isoliertes Denken geben, und in dem das menschliche Wesen sich wesentlich in der Handlung bestätigt, kann das Denken des Menschen über seine Welt von seinem Handeln in dieser Welt nicht abgetrennt werden (Bernhard, ebd.): die menschliche Handlung ist die unauflösliche Einheit zwischen meiner Aktion und meiner Reflexion über die Welt (Stückrath, S.18). Das Denken soll konkret werden und in der existenziellen Lebenswirklichkeit wurzeln und auf das Handeln wirken. Nur der Mensch ist fähig, dank seines Denkens, gegenüber der Welt eine Distanz einzunehmen und dadurch bewusst auf die Realität durch seine Handlung einzuwirken. Nur der Mensch, und das gilt für allen Menschen ohne kulturelle Unterschied, ist imstande, sich selbst zu transzendieren und zu verstehen, um sie zu verwandeln (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.50).

Zweiter Hauptgedanke: Der Mensch als kritischer Denker

An Anfang ist die Annährung des Menschen an die Welt, in der er sich befindet und in der er sich sucht, keine kritische Einstellung, sondern eine naive. Auf dieser ersten spontanen Ebene macht der Mensch eine unkritische passive Erfahrung der Wirklichkeit: dieser Prozess beschreibt eine „Bewusstwerdung“. In dem man diese erste spontane Ebene des Erfassens der Realität überwindet, gelangt das menschliche Denken auf eine kritische Ebene, in der die Realität sich „entschleiert“ in seiner wahrhaftigen Wesenheit, d.h., das Bewusstsein nimmt Besitz von der Realität. Das kritische Bewusstsein hinterfragt die Ursache der Umstände und „enthüllt“ die Wirklichkeit durch Auflösung von Bildern und Begriffe, durch die die Wirklichkeit verzerrt dargestellt wird. Dank dieser erworbenen kritischen Ebene verwandelt sich das Bewusstsein, als Entfaltung des Bewusstwerden, in eine „Bewusstseinsbildung“ (Stückrath, S.18f). Die Bewusstseinsbildung ist ein Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen, um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen (Dabisch, S.69f). Aus dieser Bewusstseinsbildung kann der Mensch kritisch und schöpferisch in seiner entschleierten Welt handeln. In diesem Sinne, Bewusstseinsbildung ist ein Prozess der „Erweckung“ und der Dynamisierung des Bewusstseins der Einzelnen. Gleichzeitig ist eine Veränderung der Mentalität, wozu eine genaue realistische Einsicht in die eigene Stellung in der Welt und in der Gesellschaft gehört (Dabisch, S.69f; Stückrath, S.18f). Dieses Prozess und diese Veränderung können alle Menschen auf der Welt erreichen und erleben, sogar die Analphabeten.

Dritter Hauptgedanke: die Utopie als Quelle der Wirklichkeit

Darüber hinaus, diese Bewusstseinsbildung fordert uns auf, der Welt gegenüber eine utopische Haltung einzunehmen. Die Utopie ist in diesem Fall nicht das Unrealisierbare, sie ist eher eine dialektische Verbindung der kritischen Aufdeckung einer entmenschlichenden Struktur und die Ankündigung einer menschlichen solidarischen Struktur durch das schöpferische Denken. Die Utopie, als Veränderungsimpuls der Realität, setzt kritisches Erkennen voraus. Ich kann nicht etwas aufdecken, wenn ich nicht in die Realität eindringe, um sie kennenzulernen; ich kann nicht etwas ankündigen, wenn ich es nicht erkenne. Und nur durch Handeln, auf der Basis eines kritischen Denkens, kann sich eine Utopie in Realität verwandeln (Stückrath, S.19f). Der Mensch, als historisches Wesen, ist berufen um die Rolle des Subjekt zu übernehmen um die Welt um ihm herum zu gestalten und erneut zu gestalten: er ist berufen um sein eigenes Leben in seine Hände zu nehmen als freier denkender schaffender Mensch, als „kulturschöpferisches Wesen“ (Edward Sapir)

Vierter Hauptgedanke: der Mensch als Dialog-Wesen

Der Mensch ist auch auf Zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen, ohne die er die Welt weder erschließen noch verändern kann. Der Mensch ist zum Dialog mit anderen Menschen bestimmt (Bernhard, S.180). In dem der Mensch die äußere Welt und seine äußeren Lebensumstände Gegenstand seines Denkens und seines Bewusstseins machen kann, ist er in der Lage, sich selbst und seine Welt im Dialog mit anderen zu verstehen, zu gestalten und zu verändern (Bernhard, S.181). Der Dialog ist, in diesem Fall, ein Akt des Erkennens und einer kritischen Annährung an die Realität (Stückrath, S.18). Der Anreiz zu Bewusstseinsbildung geht von einem interpersonalen Dialog aus. Durch diesen Dialog als Begegnung mit anderen Menschen wird und kann jeder Mensch entdecken, was Mensch sein bedeutet (Dabisch, S.70). Erkenntnis und Selbsterkenntnis erfolgt immer in Kommunikation, d. h., dass das „ich denke“ und dass das „wir denken“ bereichen sich miteinander. Wenn Kommunikation auf ununterbrochene wechselseitige Mitteilungen aufbaut, gibt es kein passives Subjekt in dem Dialogprozess, es gäbe nicht die Möglichkeit, das jemand in seinen Mitteilungen einen anderen zu „erdulden hat“ (Rosch, S.63f).

Das Ziel der Kreis „Mainzer 7“

Der Arbeitskreis für partizipativen Dialog „Mainzer7“ will einen Raum öffnen, in dem ein freier dialogischer Austausch unter den Teilnehmern möglich wird. Dies steht im Zusammenhang einer Pädagogik der Befreiung nach Paulo Freire, die auf mehr Solidarität der Menschen untereinander abzielt. Das heißt: je mehr wir über uns selbst und unsere Beziehung zur Welt reflektieren, desto mehr entdecken wir, wie wir uns selbst entwerfen und zu sozialen Utopien vordringen können. Im Verlauf eines solchen Dialogs werden verschiedene Themen (Bilder und Begriffe) so weit wie möglich mit den Begebenheiten des alltäglichen Lebens und Handelns der Teilnehmer verknüpft: kritische Einstellungen erwachen, und jeder Teilnehmer kann seine persönlichen Einsichten zu dem jeweiligen Themen entdecken. Die Themen nur kritisch zu analysieren wird nicht das Hauptziel der Arbeit sein, sondern es geht vielmehr darum, ein in sich befreiender Dialog zwischen die Teilnehmer zu entwickeln. Der Kreis soll ein Ort der Begegnung sein, worin „Erkenntnis nicht übertragen, sondern auf dialogische Weise gemeinsam gesucht wird“ (Dabisch, S.72)

Die Themen (Bilder und Begriffe):

-das Denken, die Wahrnehmung, die Realität, die Wahrheit
-das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein, die Person, das Individuum
-der Wille, die Handlung, die Praxis, die Erfahrung
-die Freiheit, die Autonomie, das Urteil, die Entscheidung
-die Autorität, die Herrschaft, die Macht, die Norm, die Ordnung
-die Utopie, das Ideal, die Ideologie, der Fortschritt, die Hoffnung
-das Gefühl, die Liebe, die Angst, die Schuld
-der Geist, das Gute, das Böse, der Glaube
-die Gesellschaft, das Zusammenleben, die Entfremdung, die Identität
-die Sittlichkeit, die Moral, das Gewissen
-der Beruf, die Berufung

Bibliographie:

-Freire, Paulo, Pädagogik der Solidarität, Wuppertal, 1974;
-Freire, Paulo, Pädagogik der Unterdrückten, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977;
-Freire, Paulo, Erziehung als Praxis der Freiheit, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977;
-Bernhard, Armin, Pädagogisches Denken, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2006;
-Dabisch, Joachim, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem, Verlag Breitenbach Publishers, Saarbrücken-Fort Lauderdale, 1987:
-Figueroa, Dimas, Paulo Freire zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989;
-Rosch, Christoph, Die Erziehungskonzeption Paulo Freires, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Mein, 1987;
-Stückrath-Taubert, Erika (Hg.), Erziehung zur Befreiung. Paulo Freire: Rezeption und Kritik, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1975

Heil- und Energiearbeit mit Artur Asoyan – ein Wochenend- Workshop Anfang Januar

Wir freuen uns, dass wir Artur Asoyan mit seiner Energiearbeit für ein Wochenende, nämlich 6.-8. Januar, in den Räumen der Mainzer7 gewinnen konnten. Er kommt aus dem Land der Tausende von Kirchen, in geometrischen Grundformen errichtet, die den Blick konzentrieren und nach oben richten, wenn man hineingeht. Der mächtige Ararat türmt sich über diesem Land, dessen Geisigkkeit (manche nennen sie die des östlichen Grals) immer wieder bedroht war. Zuletzt, 1915 – 1919, als das armenische Volk zu großen Teilen in einem Genozid physisch ausgerottet wurde.
Dazu kann man sagen: Und neues Leben blüht aus den Ruinen! Oder: Out of destruction comes resurrection!

Es sind noch Plätze frei in diesem Workshop! Was erwartet euch, wenn ihr euch anmeldet:
Wochenend – Seminare (aus dem Flyer):
Seminare an Wochenenden können für die, die nicht an den über mehrere Wochen laufenden Grundkursen teilnehmen wollen, einen Einblick in die Energiearbeit und Gelegenheit bieten, Artur und seine Arbeitsweise kennen zu lernen.

Zur Person von Artur Asoyan:
Er wurde 1960 in Eriwan, der Hauptstadt der Republik Armenien, im Kaukasus geboren, lebt und arbeitet dort als Künstler, Reiseführer und ist Herausgeber von Übersetzungen alter armenischer Schriften und Bücher.
Früh weiß er um seine spirituellen, s,eherischen und heilenden Kräfte, mit 19 folgt er dem Vorbild und Auftrag seines Großvaters und schult seine Fähigkeiten.
Artur schöpft aus dem religiösen Bewusstsein seines christlichen Volkes und den uralten Überlieferungen traditionellen Wissens, die er bei Begegnungen mit seinen Lehrern und auf vielen Reisen zusammen getragen hat.
Besonders konzentriert er sich auf die Möglichkeiten der therapeutischen Anwendungen von Energie und deren Weitergabe an die Menschen.
Energie ist immer und überall da. Diese Erkenntnis trägt und belebt seine Lehrtätigkeit.
Seine Seminare vermitteln Selbsterfahrung und ICH- Findung in tiefer spiritueller Weise.

Informationen und Auskünfte:
Thomas Maurenbrecher, Maybachufer 1, 12047 Berlin
fon 030 61203861

Kursgebühr: 250 Euro (in Einzelfällen ist Nachlass möglich)

Armenien

Du Land der 15.000 Klöster und Kirchen, viele in Ruinen, schon lange in mehrere Staaten zerstreut. Ein altes Volk, du armenisches, der du als erstes christlich wurdest dank dem heiligen Gregor vor allem, apostolisch-paulinisch. Unter der Leitung deines Katholikós. Kleine Kirchen, Ensembles von Kirchen mit eigenwilligen Säulen ohne Kapitelle, leichten Kuppeln, häufig über alten heidnischen Stätten auf Hochplateaus, an Berghängen errichtet. Am Vansee, am Sevansee. Strebende Innenräume entstanden, sie richten den Blick des Menschen unweigerlich nach oben.

Die verschiedenen armenischen Dynastien haben auch nicht schlecht gepokert, der Katholikos stand ihnen segnend und ich weiß nicht wie zur Seite – wie die Kollegen ringsum mit ihrer Version von machtbewusstem Cäsaropapismus: der Patriarch in Konstantinopel, der Kalif in Ex – Konstantinopel – Istanbul. Dieser konnte noch eine Trumpfkarte ausspielen: dass er zudem noch der Sultan sei, also so etwas wie ein Papstkaiser. Eine Büßerhandlung wie beim Investiturstreit, als der deutsche König Heinrich IV. zum Papst nach Canossa ging, entfiel; der Autokrat am Goldenen Horn ging bei sich bloß vom einen ins andere Zimmer, wenn er mit sich uneins war.…

Eine ganze Zeit lang ging es nicht schlecht, Großarmenien war entstanden und hielt sich. Aber das Gezerre um Armenien zwischen den geistlichen Machtansprüchen der orthodoxen Kirche aus Konstantinopel an der Seite der Komnenen auf dem Thron (der Einzug des Herrschers zu Pferd in die Hagia Sophia vom West Portal zum Altar dauerte bei kirchlichen Festen bis zu einer Stunde) und denen des Islam (der persischen Sassaniden, der Hohen Pforte in Istanbul) hörte nicht auf. Der Katholikos, einer von ihnen mindestens, war bereit, sich der Oberhoheit des griechischen Christentums unter den Bedingungen des Konzils von Chalkedon zu beugen, doch der armenische Adel und die einfachen Priester waren empört. Sie waren eher bereit, sich dem Islam zu unterwerfen als sich den christlichen Bruderkuss more byzantinico aufdrücken zu lassen. Das hört sich zunächst paradox an. Man muss in die Geschichte zurückgehen, um dem auf den Grund zu gehen. Die armenischen Christen waren davon überzeugt, dass sie in ihrem christlichen Glauben in der Wolle reiner gefärbt seien als ihre byzantinischen Brüder. Warum denn? Bei ihnen hatte der Hl. Gregor (Krikor) >der Erleuchter< ihren König Trdat III. durch innere Kraft dazu gebracht, mit dem ganzen Land christlich zu wählen. Das war 317/318.
Bei dem oströmischen Kaiser Konstantin dem Großen wird zwar verschiedentlich berichtet, ihm sei vor der Schlacht an der Milvischen Brücke – sie wölbt sich über dem Tiber – im Traum Jesus Christus über der Sonne mit dem Zeichen „In hoc signo vinces (In diesem Zeichen wirst du siegen)“ erschienen. Und er gewann die Schlacht. Doch der Herrscher des Römischen Weltreiches dürfte als Feldherr kaum traumtänzerisch gewesen sein, seine Generäle auch nicht. Trotz der bahnbrechenden Reichsreform eines seiner Vorgänger, des Septimius Severus, mit der Installierung von vier Teilkaiserreichen, wankte die Schlagkraft der römischen Legionen. Sie waren aber die Grundlage des Reiches. Nicht die Verwaltungsreform war unzureichend, sondern der unbändige Wille der Kohorten zum Sieg schwächelte. Ihre Rüstung, ihre Heerzeichen, das Fladenbrot im Tornister (die Ur-polenta), all das war beim alten. Aber die einfachen Soldaten glaubten nicht mehr an die Wirklichkeit des princeps, der zugleich der pontifex maximus für die Rituale zur Verehrung der Gestalten des römischen Götterhimmels zuständig war, wie ihre Offiziere. Sie huldigten in steigendem Maße dem Mithraskult und dem Christentum. Konstantin erkannte, dass man aus Machtüberlegungen heraus die Christenverfolgung besser beenden sollte.321 erließ er das Toleranzedikt von Mailand, später ernannte er das Christentum zur neuen Staatsreligion. Der Widerstand des armenischen Adels ist nicht eindeutig einzuschätzen, bei den Priestern ist es aber klar. Gregor und vor ihm Johannes, das waren spirituelle Führer, hier war eine geistige Kraft wirksam gewesen. Hätten sie sich dem byzantinischen Christentum untergeordnet, wären sie ehrlos, „vom Schmidt zum Schmidtchen gekommen“, um das mal so zu sagen.

Großarmenien zerbrach.

Aber es gab ja noch das dritte Rom mit seinem Metropoliten, der im Kreml häufiger, später im Winterpalais seltener gern gesehen war und dabei behilflich war, die Autokratie der Zaren symbolisch abzusichern. Kurz: Ein Stück des alten Großarmenien erschien auf einmal mit russischen Epauletten und russischem porte-épée. Den Frost und die eisigen Winterwinde kannten die Leute in der Gegend von Kars sowieso, da sagte ihnen das >Väterchen Frost< nichts Neues. Elf Kriege lieferten sich das Osmanische und das zaristische Reich im 19. Jahrhundert, da bekamen die 200-300 Haremsdamen im Topkapı Serail selten einen wohlgelaunten Kalif-al–Islam zu Gesicht. Selbst die tscherkessischen Odalisken mit ihrem weißen Teint konnten ihn nicht aufheitern, wenn sie vor ihm tanzten – ob mit oder ohne ihre traditionellen Lederkorsetts.

Armenien, du wurdest aufgeteilt wie das Fell des erlegten Bären. Die Jungtürken, die sich 1906 im Osmanischen Reich an die Macht geputscht hatten, zogen von Anfang an harte Bandagen an. Im 19. Jahrhundert war, trotz der 40jährigen Reformperiode (Tanzimat), die Zentrifugalkraft des wachsenden Nationalismus unter den verschiedenen Völkern des Reiches immer bedrohlicher geworden. Die Armenier, die sehr lange als „loyale Nation“ innerhalb des millet-Systems gegolten hatten, bildeten immer radikalere Parteien, die schließlich auch mit terroristischen Methoden auf einen unabhängigen Nationalstaat pochten, gerieten in den Geruch, sich insgeheim für russische Machtinteressen zur Destabilisierung des „kranken Mannes am Bosporus“ benutzen zu lassen. Was davon Diffamierung war, was belegbar, ist schwer auszumachen. Jedenfalls wurden sie von den Jungtürken in toto zu Unpersonen, ja zu Hochverrätern gestempelt. 1894 und 1896 hatte es schon die ersten Massaker gegen die Armenier gegeben. Die Stellung Sultan Abdülhamids II. dazu ist bis heute ungeklärt.
Die Jungtürken wollten nicht nur einen Strich machen, sie gerieten in einen revolutionären Furor, der terreur der Jakobiner im revolutionären Frankreich ab 1793 vergleichbar. Es wurde ein enthemmter Blutrausch, ein Katarakt an Gemetzel an unschuldigen Menschen. Im Genozid von 1915 -1919 wurden auch Menschen zusammengebunden und in Schluchten geworfen. Hier war von dem „empfindlichen Gleichgewicht zwischen offizieller Ungleichheit und relativer Toleranz“, wie es lange Zeit die Richtlinie zwischen dem Sultanshof und den andersgläubigen Nationen gewesen war, nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen tat sich ein Abgrund auf.

Man metzelte euch, armenische Intellektuelle, die ihr zur Elite des zerbröckelnden Reiches gehört hattet, nieder. Männer, Frauen und Kinder aus den Dörfern trieb man in Todesmärschen in die syrische Wüste. Bis heute sind sie unbeerdigt.

Als letzter Akt drückte euch der sowjetische Hammer mit der Sichel nach dem Sieg von 1926 für siebzig Jahre zu Boden.

Aber du stehst wieder auf, Land der Steine. Zwischen Felswänden und Berghängen, in klarer Luft. Auch ich bin aufgestanden und losgelaufen, fand kaum etwas in den Metropolen außer an der Spree. Dort kam ich endlich und verharrte lange an dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Zwischen den Stelen roch ich den Geruch aus den Verbrennungsöfen. Ein Fantasiegeruch?

Da sitze ich, vielleicht mit einem Gläschen deines berühmten Cognacs? Oder mit zweien deines Maulbeerschnapses? Ich bin aufgestanden, wie gesagt, sonst wäre ich nie bei dir ausgekommen. Du machst es einem nicht leicht, Armenien. Irgendwo sitze ich, einsam, flüsternd. Draußen, vor einer deiner Kirchen, ein überraschendes Flechtwerk an den Steinmalen, vor diesen schlicht, ja spröde ersonnenen Kuben, rechteckigen Schachteln, Satteldächern und Spitzhelmen.
Walnussbäume, Linden, Maulbeerbäume.
Ungenannte Wiesenblumen.
Gefranstes Weiß über dem satten Blau, da oben.

Max Stirner (1806-1856) – vulkanisiert und rumdum erneuert wie ein Pneu, so hättte das Max Frisch gesagt, vielleicht

Zivilgesellschaft meint eine Gesellschaft, in der die Bürger möglichst viele Lebensbereiche selber gestalten bzw. regeln; die Tätigkeit des Staates und seiner Organe begründet sich durch kein irgendwie hoheitlich begründetes (Macht-) Monopol. Zu unterscheiden ist dabei auch zwischen Legalität und Legitimität. Eine Gruppe der Vordenker der Zivilgesellschaft sind die Anarchisten.
Die Tradition des anarchistischen Denkens und der sich daraus ergebenden Praxis ist in Deutschland nur ein Rinnsaal. Die bekanntesten Namen sind Max Stirner und Erich Mühsam, dann müsste man noch Gustav Landauer und die anderen Aktivisten der Räterepublik in Berlin am Ende des Ersten Weltkriegs nennen. >Der Einzige und sein Eigentum< ist Stirners Hauptwerk. Das Buch ist im emphatischen Stil geschrieben und steckt anhand von verschiedenen Bezügen den Bezirk des einzelnen gegenüber dem Staat und dessen Zugriff ab. Es ist stellenweise schwer zu lesen.  Es erregte einen Skandal und den Ruf nach Verbot. Stirner war Philosoph und gehörte wie Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach zu den Junghegelianern. Hegel hatte ja die Lehre des objektiven Geistes herausgearbeitet, der sich im Laufe der Geschichte in dialektischen Schritten entfaltet. Irgendwann mündete Hegels Philosophie in die Verherrlichung oder jedenfalls philosophische Legitimation des preußischen Staates ein wie es schien. Dagegen lief Stirner Sturm. Er betont unermüdlich, dass der Geist (nicht ganz unähnlich wie bei Fichte) im einzelnen zu sich kommt, im Individuum und niemals in einer Institution oder gar dem Staat (mitsamt Gewaltmonopol). Der einzelne habe das Recht, sich abzugrenzen und sich den Forderungen des Kollektivs zu entziehen.
Stirners Denken stieß bei vielen Philosophen auf Ablehnung. Karl Marx hielt seine Polemik gegen ihn („Sankt Max“) zeitlebens zurück. Andere Anarchisten wie Bakunin, Kropotkin oder Proudhon übergingen ihn mit Schweigen, so dass man von einer Art von Berührungsangst ihm gegenüber sprechen kann.
>Der Einzige und sein Eigentum< geriet in Vergessenheit, zweimal gab es eine Renaissance. Heute, da der Staat in immer umfassenderer Weise in das Leben des Einzelnen eingreift, stellt sich erneut die Frage nach der Aktualität Stirners.

Nachtrag:

Wenn man Max Stirner aus seinem unmittelbaren biografischen Kontext, nämlich dem des Außenseiters unter den Hegelianern, herauslöst und in den Zusammenhang mit anderen Geistern stellt, die auf ihre Weise die Zurückgezogenheit vom und den Kampf gegen den Staat ins Zentrum ihres Denkens und Handelns stellten, so tauchen einige Namen auf:

Wilhelm von Humboldt(1767 – 1835) in seiner Jugendschrift >Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen<. Humboldt war Augenzeuge der revolutionären Umwälzungen in Paris der Großen Französischen Revolution, fand den Gewaltsausbruch abstoßend und machte Vorschläge für einen >Nachtwächterstaat<, was man heute einen schlanken Staat nennen würde.

Henry David Thoreau(1817 – 1862), die Ikone des amerikanischen Anarchismus und des zivilen Ungehorsams. Er liebte die Einsamkeit und das Leben in der Natur, schrieb das Buch >Walden< über einen Ort inmitten der Wälder von Massachusetts, wo er zweieinhalb Jahre in einer Blockhütte lebte. – Vielleicht kann man sagen, dass heute der Anthropologe, Aktivist der Occupy Wallstreet Bewegung und Kritiker des westlichen Finanzsystems David Graeber (geb. 1961) mit seinen Büchern >Kampf dem Kamikaze- Kapitalismus< und >Schulden. Die ersten 5000 Jahre< in dieser Tradition steht. Denn Thoreau hatte nicht nur zum zivilen Ungehorsam, sondern auch zum Steuerboykott aufgerufen.

Pjotr Alexejewitsch Kropotikin (1842 -1921), russischer Revolutionär und Geograph. Er liebte das Leben in der Natur, lebte lange in Sibirien und schrieb das Buch >Über die gegenseitige Liebe zwischen Tieren und Menschen<, das auf einer großen Anzahl eigener Beobachtungen beruht.

Man könnte sagen, dass die Anarchisten in ihrem Denken und in ihrer Lebenspraxis die Frage nach dem Wesen der Natur und dem Wesen des Staates auf eine erfrischende Weise anders stellen. Die darunter liegende Frage ist die nach dem Wesen des Menschen in der Spannung von Körper – Seele, Geist. Wenn man, wie John Locke ( > 2 Treatises on Government<) der Meinung ist, dass sich eine Gruppe von Menschen – auch ohne Staat – die adäquaten Regeln für ein soziales Zusammenleben geben und sich nicht tendenziell bekämpfen und umbringen wird, dann hat das mit einem optimistischen Menschenbild zu tun. Locke war kein Idealist oder Traditionalist, sondern bildete seine Auffassungen aufgrund der Erfahrung der tiefgehenden politischen und sozialen Umwälzungen seinerzeit in der >Glorious Revolution<.

Es wäre wichtig, im Geist all dieser Männer neue kleine Gemeinschaften zu bilden. In ihnen könnten Menschen wieder mehr ihr gesamtes Potenzial entfalten und in ihrem Leben das Zukunftspotenzial ausgetragener Konflikte bergen. Auf der Folie der repräsentativen Demokratie und vernünftiger Verfassungen leben wir heute praktisch in einer postdemokratischen Gesellschaft, wie der Umgang mit der nie beendeten Finanzkrise zeigt. Dabei spielen sich Grossbanken und Regierungen in chaotischer Weise auf Kosten der Bevölkerung die Bälle zu. Der Kern des Problems ist vielleicht die Suche nach Lebenskontexten, in denen die egoistischen und altruistischen Triebe des Menschen in die jeweils angemessene Balance kommen und der Wachstumswahn als Grundlage staatlichen Handelns nicht mehr weiter wuchert… Vow!