Armenien

Du Land der 15.000 Klöster und Kirchen, viele in Ruinen, schon lange in mehrere Staaten zerstreut. Ein altes Volk, du armenisches, der du als erstes christlich wurdest dank dem heiligen Gregor vor allem, apostolisch-paulinisch. Unter der Leitung deines Katholikós. Kleine Kirchen, Ensembles von Kirchen mit eigenwilligen Säulen ohne Kapitelle, leichten Kuppeln, häufig über alten heidnischen Stätten auf Hochplateaus, an Berghängen errichtet. Am Vansee, am Sevansee. Strebende Innenräume entstanden, sie richten den Blick des Menschen unweigerlich nach oben.

Die verschiedenen armenischen Dynastien haben auch nicht schlecht gepokert, der Katholikos stand ihnen segnend und ich weiß nicht wie zur Seite – wie die Kollegen ringsum mit ihrer Version von machtbewusstem Cäsaropapismus: der Patriarch in Konstantinopel, der Kalif in Ex – Konstantinopel – Istanbul. Dieser konnte noch eine Trumpfkarte ausspielen: dass er zudem noch der Sultan sei, also so etwas wie ein Papstkaiser. Eine Büßerhandlung wie beim Investiturstreit, als der deutsche König Heinrich IV. zum Papst nach Canossa ging, entfiel; der Autokrat am Goldenen Horn ging bei sich bloß vom einen ins andere Zimmer, wenn er mit sich uneins war.…

Eine ganze Zeit lang ging es nicht schlecht, Großarmenien war entstanden und hielt sich. Aber das Gezerre um Armenien zwischen den geistlichen Machtansprüchen der orthodoxen Kirche aus Konstantinopel an der Seite der Komnenen auf dem Thron (der Einzug des Herrschers zu Pferd in die Hagia Sophia vom West Portal zum Altar dauerte bei kirchlichen Festen bis zu einer Stunde) und denen des Islam (der persischen Sassaniden, der Hohen Pforte in Istanbul) hörte nicht auf. Der Katholikos, einer von ihnen mindestens, war bereit, sich der Oberhoheit des griechischen Christentums unter den Bedingungen des Konzils von Chalkedon zu beugen, doch der armenische Adel und die einfachen Priester waren empört. Sie waren eher bereit, sich dem Islam zu unterwerfen als sich den christlichen Bruderkuss more byzantinico aufdrücken zu lassen. Das hört sich zunächst paradox an. Man muss in die Geschichte zurückgehen, um dem auf den Grund zu gehen. Die armenischen Christen waren davon überzeugt, dass sie in ihrem christlichen Glauben in der Wolle reiner gefärbt seien als ihre byzantinischen Brüder. Warum denn? Bei ihnen hatte der Hl. Gregor (Krikor) >der Erleuchter< ihren König Trdat III. durch innere Kraft dazu gebracht, mit dem ganzen Land christlich zu wählen. Das war 317/318.
Bei dem oströmischen Kaiser Konstantin dem Großen wird zwar verschiedentlich berichtet, ihm sei vor der Schlacht an der Milvischen Brücke – sie wölbt sich über dem Tiber – im Traum Jesus Christus über der Sonne mit dem Zeichen „In hoc signo vinces (In diesem Zeichen wirst du siegen)“ erschienen. Und er gewann die Schlacht. Doch der Herrscher des Römischen Weltreiches dürfte als Feldherr kaum traumtänzerisch gewesen sein, seine Generäle auch nicht. Trotz der bahnbrechenden Reichsreform eines seiner Vorgänger, des Septimius Severus, mit der Installierung von vier Teilkaiserreichen, wankte die Schlagkraft der römischen Legionen. Sie waren aber die Grundlage des Reiches. Nicht die Verwaltungsreform war unzureichend, sondern der unbändige Wille der Kohorten zum Sieg schwächelte. Ihre Rüstung, ihre Heerzeichen, das Fladenbrot im Tornister (die Ur-polenta), all das war beim alten. Aber die einfachen Soldaten glaubten nicht mehr an die Wirklichkeit des princeps, der zugleich der pontifex maximus für die Rituale zur Verehrung der Gestalten des römischen Götterhimmels zuständig war, wie ihre Offiziere. Sie huldigten in steigendem Maße dem Mithraskult und dem Christentum. Konstantin erkannte, dass man aus Machtüberlegungen heraus die Christenverfolgung besser beenden sollte.321 erließ er das Toleranzedikt von Mailand, später ernannte er das Christentum zur neuen Staatsreligion. Der Widerstand des armenischen Adels ist nicht eindeutig einzuschätzen, bei den Priestern ist es aber klar. Gregor und vor ihm Johannes, das waren spirituelle Führer, hier war eine geistige Kraft wirksam gewesen. Hätten sie sich dem byzantinischen Christentum untergeordnet, wären sie ehrlos, „vom Schmidt zum Schmidtchen gekommen“, um das mal so zu sagen.

Großarmenien zerbrach.

Aber es gab ja noch das dritte Rom mit seinem Metropoliten, der im Kreml häufiger, später im Winterpalais seltener gern gesehen war und dabei behilflich war, die Autokratie der Zaren symbolisch abzusichern. Kurz: Ein Stück des alten Großarmenien erschien auf einmal mit russischen Epauletten und russischem porte-épée. Den Frost und die eisigen Winterwinde kannten die Leute in der Gegend von Kars sowieso, da sagte ihnen das >Väterchen Frost< nichts Neues. Elf Kriege lieferten sich das Osmanische und das zaristische Reich im 19. Jahrhundert, da bekamen die 200-300 Haremsdamen im Topkapı Serail selten einen wohlgelaunten Kalif-al–Islam zu Gesicht. Selbst die tscherkessischen Odalisken mit ihrem weißen Teint konnten ihn nicht aufheitern, wenn sie vor ihm tanzten – ob mit oder ohne ihre traditionellen Lederkorsetts.

Armenien, du wurdest aufgeteilt wie das Fell des erlegten Bären. Die Jungtürken, die sich 1906 im Osmanischen Reich an die Macht geputscht hatten, zogen von Anfang an harte Bandagen an. Im 19. Jahrhundert war, trotz der 40jährigen Reformperiode (Tanzimat), die Zentrifugalkraft des wachsenden Nationalismus unter den verschiedenen Völkern des Reiches immer bedrohlicher geworden. Die Armenier, die sehr lange als „loyale Nation“ innerhalb des millet-Systems gegolten hatten, bildeten immer radikalere Parteien, die schließlich auch mit terroristischen Methoden auf einen unabhängigen Nationalstaat pochten, gerieten in den Geruch, sich insgeheim für russische Machtinteressen zur Destabilisierung des „kranken Mannes am Bosporus“ benutzen zu lassen. Was davon Diffamierung war, was belegbar, ist schwer auszumachen. Jedenfalls wurden sie von den Jungtürken in toto zu Unpersonen, ja zu Hochverrätern gestempelt. 1894 und 1896 hatte es schon die ersten Massaker gegen die Armenier gegeben. Die Stellung Sultan Abdülhamids II. dazu ist bis heute ungeklärt.
Die Jungtürken wollten nicht nur einen Strich machen, sie gerieten in einen revolutionären Furor, der terreur der Jakobiner im revolutionären Frankreich ab 1793 vergleichbar. Es wurde ein enthemmter Blutrausch, ein Katarakt an Gemetzel an unschuldigen Menschen. Im Genozid von 1915 -1919 wurden auch Menschen zusammengebunden und in Schluchten geworfen. Hier war von dem „empfindlichen Gleichgewicht zwischen offizieller Ungleichheit und relativer Toleranz“, wie es lange Zeit die Richtlinie zwischen dem Sultanshof und den andersgläubigen Nationen gewesen war, nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen tat sich ein Abgrund auf.

Man metzelte euch, armenische Intellektuelle, die ihr zur Elite des zerbröckelnden Reiches gehört hattet, nieder. Männer, Frauen und Kinder aus den Dörfern trieb man in Todesmärschen in die syrische Wüste. Bis heute sind sie unbeerdigt.

Als letzter Akt drückte euch der sowjetische Hammer mit der Sichel nach dem Sieg von 1926 für siebzig Jahre zu Boden.

Aber du stehst wieder auf, Land der Steine. Zwischen Felswänden und Berghängen, in klarer Luft. Auch ich bin aufgestanden und losgelaufen, fand kaum etwas in den Metropolen außer an der Spree. Dort kam ich endlich und verharrte lange an dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Zwischen den Stelen roch ich den Geruch aus den Verbrennungsöfen. Ein Fantasiegeruch?

Da sitze ich, vielleicht mit einem Gläschen deines berühmten Cognacs? Oder mit zweien deines Maulbeerschnapses? Ich bin aufgestanden, wie gesagt, sonst wäre ich nie bei dir ausgekommen. Du machst es einem nicht leicht, Armenien. Irgendwo sitze ich, einsam, flüsternd. Draußen, vor einer deiner Kirchen, ein überraschendes Flechtwerk an den Steinmalen, vor diesen schlicht, ja spröde ersonnenen Kuben, rechteckigen Schachteln, Satteldächern und Spitzhelmen.
Walnussbäume, Linden, Maulbeerbäume.
Ungenannte Wiesenblumen.
Gefranstes Weiß über dem satten Blau, da oben.

Max Stirner (1806-1856) – vulkanisiert und rumdum erneuert wie ein Pneu, so hättte das Max Frisch gesagt, vielleicht

Zivilgesellschaft meint eine Gesellschaft, in der die Bürger möglichst viele Lebensbereiche selber gestalten bzw. regeln; die Tätigkeit des Staates und seiner Organe begründet sich durch kein irgendwie hoheitlich begründetes (Macht-) Monopol. Zu unterscheiden ist dabei auch zwischen Legalität und Legitimität. Eine Gruppe der Vordenker der Zivilgesellschaft sind die Anarchisten.
Die Tradition des anarchistischen Denkens und der sich daraus ergebenden Praxis ist in Deutschland nur ein Rinnsaal. Die bekanntesten Namen sind Max Stirner und Erich Mühsam, dann müsste man noch Gustav Landauer und die anderen Aktivisten der Räterepublik in Berlin am Ende des Ersten Weltkriegs nennen. >Der Einzige und sein Eigentum< ist Stirners Hauptwerk. Das Buch ist im emphatischen Stil geschrieben und steckt anhand von verschiedenen Bezügen den Bezirk des einzelnen gegenüber dem Staat und dessen Zugriff ab. Es ist stellenweise schwer zu lesen.  Es erregte einen Skandal und den Ruf nach Verbot. Stirner war Philosoph und gehörte wie Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach zu den Junghegelianern. Hegel hatte ja die Lehre des objektiven Geistes herausgearbeitet, der sich im Laufe der Geschichte in dialektischen Schritten entfaltet. Irgendwann mündete Hegels Philosophie in die Verherrlichung oder jedenfalls philosophische Legitimation des preußischen Staates ein wie es schien. Dagegen lief Stirner Sturm. Er betont unermüdlich, dass der Geist (nicht ganz unähnlich wie bei Fichte) im einzelnen zu sich kommt, im Individuum und niemals in einer Institution oder gar dem Staat (mitsamt Gewaltmonopol). Der einzelne habe das Recht, sich abzugrenzen und sich den Forderungen des Kollektivs zu entziehen.
Stirners Denken stieß bei vielen Philosophen auf Ablehnung. Karl Marx hielt seine Polemik gegen ihn („Sankt Max“) zeitlebens zurück. Andere Anarchisten wie Bakunin, Kropotkin oder Proudhon übergingen ihn mit Schweigen, so dass man von einer Art von Berührungsangst ihm gegenüber sprechen kann.
>Der Einzige und sein Eigentum< geriet in Vergessenheit, zweimal gab es eine Renaissance. Heute, da der Staat in immer umfassenderer Weise in das Leben des Einzelnen eingreift, stellt sich erneut die Frage nach der Aktualität Stirners.

Nachtrag:

Wenn man Max Stirner aus seinem unmittelbaren biografischen Kontext, nämlich dem des Außenseiters unter den Hegelianern, herauslöst und in den Zusammenhang mit anderen Geistern stellt, die auf ihre Weise die Zurückgezogenheit vom und den Kampf gegen den Staat ins Zentrum ihres Denkens und Handelns stellten, so tauchen einige Namen auf:

Wilhelm von Humboldt(1767 – 1835) in seiner Jugendschrift >Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen<. Humboldt war Augenzeuge der revolutionären Umwälzungen in Paris der Großen Französischen Revolution, fand den Gewaltsausbruch abstoßend und machte Vorschläge für einen >Nachtwächterstaat<, was man heute einen schlanken Staat nennen würde.

Henry David Thoreau(1817 – 1862), die Ikone des amerikanischen Anarchismus und des zivilen Ungehorsams. Er liebte die Einsamkeit und das Leben in der Natur, schrieb das Buch >Walden< über einen Ort inmitten der Wälder von Massachusetts, wo er zweieinhalb Jahre in einer Blockhütte lebte. – Vielleicht kann man sagen, dass heute der Anthropologe, Aktivist der Occupy Wallstreet Bewegung und Kritiker des westlichen Finanzsystems David Graeber (geb. 1961) mit seinen Büchern >Kampf dem Kamikaze- Kapitalismus< und >Schulden. Die ersten 5000 Jahre< in dieser Tradition steht. Denn Thoreau hatte nicht nur zum zivilen Ungehorsam, sondern auch zum Steuerboykott aufgerufen.

Pjotr Alexejewitsch Kropotikin (1842 -1921), russischer Revolutionär und Geograph. Er liebte das Leben in der Natur, lebte lange in Sibirien und schrieb das Buch >Über die gegenseitige Liebe zwischen Tieren und Menschen<, das auf einer großen Anzahl eigener Beobachtungen beruht.

Man könnte sagen, dass die Anarchisten in ihrem Denken und in ihrer Lebenspraxis die Frage nach dem Wesen der Natur und dem Wesen des Staates auf eine erfrischende Weise anders stellen. Die darunter liegende Frage ist die nach dem Wesen des Menschen in der Spannung von Körper – Seele, Geist. Wenn man, wie John Locke ( > 2 Treatises on Government<) der Meinung ist, dass sich eine Gruppe von Menschen – auch ohne Staat – die adäquaten Regeln für ein soziales Zusammenleben geben und sich nicht tendenziell bekämpfen und umbringen wird, dann hat das mit einem optimistischen Menschenbild zu tun. Locke war kein Idealist oder Traditionalist, sondern bildete seine Auffassungen aufgrund der Erfahrung der tiefgehenden politischen und sozialen Umwälzungen seinerzeit in der >Glorious Revolution<.

Es wäre wichtig, im Geist all dieser Männer neue kleine Gemeinschaften zu bilden. In ihnen könnten Menschen wieder mehr ihr gesamtes Potenzial entfalten und in ihrem Leben das Zukunftspotenzial ausgetragener Konflikte bergen. Auf der Folie der repräsentativen Demokratie und vernünftiger Verfassungen leben wir heute praktisch in einer postdemokratischen Gesellschaft, wie der Umgang mit der nie beendeten Finanzkrise zeigt. Dabei spielen sich Grossbanken und Regierungen in chaotischer Weise auf Kosten der Bevölkerung die Bälle zu. Der Kern des Problems ist vielleicht die Suche nach Lebenskontexten, in denen die egoistischen und altruistischen Triebe des Menschen in die jeweils angemessene Balance kommen und der Wachstumswahn als Grundlage staatlichen Handelns nicht mehr weiter wuchert… Vow!

Kunstfestival Nacht und Nebel

5.11.2011 Kunstfestival Nacht und Nebel in Berlin-Neukölln

NACHT UND NEBEL-DANCING Rauminstallation von Dagmar Welz, Gebrauchskünstlerin. Täschli aus Tetra-Pak: sehen, kaufen, öffnen, leeren, auftrennen, säubern, zuschneiden, falzen, kleben, nieten. Tanz durch Netze im versponnenen Raum, Global Grooves mit Djane Zistas, DJ Fritz. Teilnehmende KünstlerIn(nen): Dagmar Welz, Gebrauchskünstlerin Mohan Mukhoty, Objektkünstler DJane Zistas, DJ Fritz N12 Kulturraum Mainzer 7, Mainzer Str. 7