Eine Reise nach Barcelona und Madrid

In diesen Städten haben wir viel Schönheit gesehen, viel Ebenmaß. Obwohl die Autos dort fuhren und hupten wie anderswo auch, die Menschen sich auch mal etwas zuriefen, das erregt klang. Aber meist haben wir sie als entschlossen, konzentriert und doch gelassen empfunden – als würdevoll.
Es ist schwer zu sagen, wie ich dieser Eindruck von in sich ruhenden Menschen entstand, die ihrer Arbeit nachgehen und Zeit für Freundschaften haben wie es scheint. Wir konnten so etwas wie den Kitt zwischen ihnen spüren.
Woran könnte das liegen? Da sind die Häuserreihen, die Straßenzüge, gut gegliedert, oft in Bögen gebaut, die Fenster meist mit schmiedeeisernen Gittern an den Balkonen verziert. Diese Fensterkörbe sind ästhetische Elemente, dienen anscheinend weniger dem Schutz. Diese fantasievolle Architektur hat später der unablässig produktive, bizarre Architekt des katalanischen Jugendstils (Modernisme Català) Antoni Gaudí in Barcelona zu unnachahmlichen Meisterwerken gesteigert.
Jemand sagte mir, dass auch nach dem Tod Francos vor 36 Jahren immer noch innerhalb der Familien der alte Hass zwischen Rechts und Links aus den Tagen des Bürgerkrieges weiter transportiert wird. Kann sein, kann nicht sein. Doch es macht einen Unterschied, abgesehen von dem trocken warmen iberischen Klima in den beiden großen Städten dort, ob die alten Häuser mit den Erinnerungen an das Leben, das dort in Generation gelebt wurde, noch da sind oder ob, wie im Falle des Zweiten Weltkriegs die großen deutschen Städte von den Alliierten weitgehend aus der Luft zerbombt wurden, um die faschistische Diktatur zu besiegen. Die Saat der Massaker des Dritten Reiches ging auf…
Wir können hier in Berlin und anderswo die alte Schönheit der Bauten, Straßen und der Plätze nicht wiederherstellen, auch eine Restauration bedeutet einen Schnitt, einen Abklatsch. Wir sind dazu verurteilt, nein, war wir haben die Chance, im Geistigen neue Formen zu erringen, wie wir miteinander umgehen. Trotz der oft öden Funktionalität unserer Häuser, unserer Arbeitsstätten. Neue >schöne< Formen könnten das sein, die unsern eigenen Ideen und dem Mitschwingen mit dem andern entspringen. Man könnte da von moralischer Fantasie sprechen. Bei jedem sähe die anders aus. Da würden sich, metaphorisch gesprochen, Barcelona, Berlin und Madrid die Hand reichen – in die Zukunft hinein. Festigkeit ohne Starrheit, ein Wille, der weder gefesselt noch entfesselt ist. Die Mitte finden, die der Situation angemessen ist, dem einmaligen Augenblick.
Thomas Maurenbrecher